Unseld, Siegfried

Leiter des Suhrkamp Verlags. Ehrenbürger der Stadt Ffm.

Siegfried Unseld

Siegfried Unseld
Fotografie von Christian Höhn.

© Chr. Höhn / Suhrkamp Verlag, Berlin.
Unseld, Karl Siegfried. Prof. Dr. phil. Dr. h. c. mult. Verleger. * 28.9.1924 Ulm, † 26.10.2002 Ffm.
Sohn des Verwaltungsinspektors Ludwig U. (1896-1951) und dessen Frau Maria Magdalena, geb. Kögel (1897-?). Ein Bruder: Walter U. (* 1928). Verheiratet in erster Ehe (1951-89) mit Hildegard U., geb. Schmid (1922-1995), in zweiter Ehe (seit 1990) mit der Schriftstellerin Ulla Berkéwicz (eigentl.: Schmidt; * 1949). Sohn aus erster Ehe: Joachim U., Verleger (* 1953); eine außereheliche Tochter aus einer Beziehung mit der Journalistin Corinne Pulver (* 1927): Ninon Pulver, Rechtsanwältin (* 1959).
Nach Notabitur (1942) und Kriegsdienst in der Marine legte U. 1946 in seiner Heimatstadt Ulm das reguläre Abitur ab. Anschließend absolvierte er eine Buchhandelsgehilfenlehre im Aegis Verlag Ulm und studierte danach in Tübingen Germanistik, Philosophie und Bibliothekswissenschaft. 1951 promovierte er mit einer Dissertation über Hermann Hesse. Über Hesse kam U. mit dem Ffter Verleger Peter Suhrkamp in Kontakt, der 1950 aus dem S. Fischer Verlag ausgeschieden war und in Ffm. einen eigenen Verlag gegründet hatte. Suhrkamp konnte 33 ehemalige S.-Fischer-Autoren für seinen neuen Verlag gewinnen und legte damit den Grundstein für einen der angesehensten literarischen Verlage der jungen Bundesrepublik. U., nun Buchhändler in Heidenheim/Brenz, trat 1952 in den Suhrkamp Verlag zunächst als Werbefachmann ein. Kurze Zeit später wurde er prägender Lektor des Verlagsprogramms. 1958 stieg er als Mitgesellschafter in die Suhrkamp Verlag KG ein.
Nach Peter Suhrkamps Tod 1959 übernahm U. das Unternehmen, das er als hochangesehenen Literaturverlag mit renommiertem internationalem Autorenstamm weiterführte. Er setzte die 1951 gestartete Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ fort und war wie Suhrkamp bestrebt, stets das Gesamtœuvre eines zeitgenössischen Schriftstellers in seinem Verlag zu publizieren, z. B. von Hermann Hesse und Bertolt Brecht, die beide zu tragenden Autoren für den Verlag – auch in ökonomischer Hinsicht – wurden. U. verlegte jedoch auch Werke und Autoren, die erst (wieder) entdeckt werden mussten, wie z. B. Walter Benjamin und Wolfgang Koeppen. Durch die Edition von Gesamtausgaben wurde diesen Autoren neue Aufmerksamkeit zuteil. Ein zentrales Anliegen U.s war die konsequente Förderung junger Autoren, wie z. B. von Uwe Johnson. Die regelmäßige Anwesenheit des Verlegers auf den Tagungen der Gruppe 47, die im In- und Ausland hohe Beachtung fanden, führte zu neuen Autorenkontakten, u. a. zu Peter Handke, die in der Folge das literarische Programm weiter profilierten.
Eine von U. durchgesetzte Neuerung im Verlag war die Einführung einer Taschenbuch-Reihe, was Peter Suhrkamp rigoros abgelehnt hatte. Die „edition suhrkamp“ erscheint seit 1963. Im selben Jahr kaufte U. den traditionsreichen Insel Verlag mit der Reihe „Insel-Bücherei“ und klassischen Werken, dem er 1981 den Deutschen Klassiker Verlag als Tochterunternehmen anschloss. Der „edition suhrkamp“ folgten weitere Taschenbuchreihen: 1972 „suhrkamp taschenbuch“ und „das schöne insel-buch“ sowie 1973 „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“. Die „edition suhrkamp“ wurde berühmt mit literarischen Originalausgaben und für die Studentenbewegung der 1960er Jahre kanonischen theoretischen Texten, z. B. von Ernst Bloch oder der kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas u. a.). Die Taschenbuchreihe regte den linkskritischen Diskurs an und unterstützte ihn. Neben seinem literarischen Rang stieg der Suhrkamp Verlag unter U. mit den Autoren der „Ffter Schule“ auch zu einem der führenden Linksintellektuellen-Verlage der 1960er und 1970er Jahre auf. Die Soziologie wurde ein wichtiger Verlagszweig, und nicht nur Soziologen der Ffter Universität publizierten unter U., sondern der Verlag wurde später auch zum Publikationsort diskursbestimmender Werke, etwa von Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann. Flankiert wurden die soziologischen Werke von weiteren wissenschaftlichen Standardwerken, u. a. von dem Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß.
Weit über Ffm. hinaus bekannt wurde der „Kritikerempfang“, der ab 1959 an jedem Buchmessen-Mittwoch in Ffm. stattfand. Dazu lud U. alljährlich Schriftsteller und Kritiker in sein Privathaus in der Klettenbergstraße ein und schuf mit kurzen Lesungen von Autoren eine Art informelle literarische Institution. Das Wohnhaus U.s entwickelte eine besondere Strahlkraft über die Rhein-Main-Region hinaus; es wurde zum örtlichen wie geistigen Treffpunkt von Suhrkamp-Autoren bei verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen wie auch politischen, literarischen und kulturellen Diskussionen. Hier wurde U. 2002, wenige Wochen vor seinem Tod, auch die Ehrenbürgerwürde der Stadt Ffm. verliehen.
Die turbulenten, durch massive studentische Proteste begleiteten Ffter Buchmessen der Jahre 1967 bis 1969 waren auch für U. von Bedeutung. Er gehörte seit 1965 dem Aufsichtsrat der Messe- und Ausstellungs-GmbH an und war in dieser Rolle in die Vorgänge während der Buchmesse 1968 involviert. Der Polizeieinsatz gegen die Studentenproteste, die sich insbesondere gegen die Verleihung des Friedenspreises an den senegalesischen Präsidenten und Schriftsteller Léopold Sédar Senghor richteten, wurde zum Auslöser eines Konflikts im Suhrkamp Verlag, weil die Lektoren des Verlags U. vorwarfen, nicht entschieden genug Stellung gegen den Polizeieinsatz und für die Protestierenden bezogen zu haben. In der Folge der Messe wurde U. von den Lektoren stark kritisiert. Er habe sich aufgrund seiner Aufsichtsratmitgliedschaft nicht an den Protestaktionen beteiligt und damit die inhaltliche Ausrichtung des Verlagsprogramms verraten. In den anschließenden Auseinandersetzungen zwischen U. und den Verlagslektoren 1968 wurde von den Mitarbeitern eine „Lektoratsversammlung“ als alleinige Entscheidungsinstanz über sämtliche verlegerischen Entscheidungen gefordert. U. lehnte dies ab und wurde von wichtigen Hausautoren dabei unterstützt. Aus diesem „Lektorenaufstand“ resultierte der „Verlag der Autoren“ in Ffm., den Walter Boehlich, Karlheinz Braun, Klaus Reichert, Peter Urban und Urs Widmer gründeten, nachdem sie Suhrkamp verlassen hatten.
Die Intellektuellengeschichte und die Literaturgeschichte der Bundesrepublik sind eng verknüpft mit dem Suhrkamp Verlag. U. blieb der maßgebliche Verleger. Internationale Preise und Auszeichnungen der literarischen und der wissenschaftlichen Autoren sowie das herausragende Engagement des Verlegers für seine Autoren und die deutsche Literatur veranlassten den Literaturwissenschaftler George Steiner, von einer spezifischen „Suhrkamp-Kultur“ zu sprechen, die bis heute mit dem Verlag assoziiert wird und die in erster Linie auf die verlegerische Umsicht U.s zurückzuführen ist.
Veröffentlichungen (in Auswahl): „Das Werk von Hermann Hesse“ (1952, erw. Fassung u. d. T. „Hermann Hesse, eine Werkgeschichte“, 1973, revidierte u. erw. Fassung u. d. T. „Hermann Hesse, Werk- und Wirkungsgeschichte“, 1985), „Peter Suhrkamp. Zur Biographie eines Verlegers“ (1975, Neuausgaben 1991 und 2004), „Der Marienbader Korb“ (1976), „Der Autor und sein Verleger“ (1978, 4. Aufl. 1985), „Kleine Geschichte der Bibliothek Suhrkamp“ (Aufsatz, 1989) und „Goethe und seine Verleger“ (1991, 3. Aufl. 1998).
Herausgeber der „Briefe an die Autoren“ von Peter Suhrkamp („zum Gedächtnis seines 70. Geburtstages am 28. März 1961“, 3. Aufl. 1964).
Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Hermann-Hesse-Medaille (1967), Goetheplakette der Stadt Ffm. (1977), Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen (1981), Ehrendoktorwürde der Ffter Universität (1985), Hessischer Verdienstorden (1990), Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern (1993), Hessischer Kulturpreis (1999) und Ehrenbürgerwürde der Stadt Ffm. (2002).
Festschriften zum 60. Geburtstag („Der Verleger und seine Autoren“, 1984), zum 70. Geburtstag („Der Verleger und seine Autoren“, 1994) und zum 75. Geburtstag („Verleger als Beruf“, 1999).
Porträtiert von Andy Warhol (Siebdruck, 1984; in Privatbesitz) und von dem Ffter Maler Frank Grüttner (Aquarell, 1991; in Privatbesitz).
Der Suhrkamp Verlag hatte seinen Sitz in der Lindenstraße 29-35 im Ffter Westend. Privat bewohnte der Verleger die „Villa Unseld“ in der Klettenbergstraße 35 im westlichen Nordend.
Ehrengrabstätte auf dem Ffter Hauptfriedhof (Gewann II 203).
2010 zog der Suhrkamp Verlag unter der Leitung der Witwe U.s, Ulla Berkéwicz, nach Berlin.
Der Sohn Joachim U. war zunächst (seit 1983) Gesellschafter und Geschäftsführer der Verlage Suhrkamp, Insel und Nomos, bis er nach Kontroversen mit seinem Vater 1991 aus dem Unternehmen ausschied. Seit 1994 leitet er die Ffter Verlagsanstalt (FVA).
Das Verlagsarchiv des Suhrkamp Verlags („Suhrkamp Archiv“) wurde nach U.s Tod zunächst (2002/03) an die Universität Ffm. zur Katalogisierung und wissenschaftlichen Auswertung gegeben, dann jedoch angesichts des bevorstehenden Umzug des Suhrkamp Verlags nach Berlin an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar verkauft und im Dezember 2009 dorthin gebracht. Es wird dort unter dem neuen Namen „Siegfried Unseld Archiv“ geführt.
Ausgaben des Briefwechsels von U. mit Uwe Johnson (hg. v. Eberhard Fahlke und Raimund Fellinger, 1999), Theodor W. Adorno (Briefwechsel von Adorno mit seinen Ffter Verlegern Peter Suhrkamp und Siegfried U., hg. v. Wolfgang Schopf, 2003), Wolfgang Koeppen (hg. v. Alfred Estermann und Wolfgang Schopf, 2006), Thomas Bernhard (hg. v. Raimund Fellinger, 2009), Peter Handke (hg. v. Raimund Fellinger und Katharina Pektor, 2012), Wolfgang Hildesheimer und Karlheinz Braun (hg. v. Stephan Braese, Olga Blank und Thomas Wild, 2017) sowie der „Briefe an die Autoren“ (2004).
Die Siegfried-U.-Stiftung zur „Förderung von Wissenschaft und Kunst in allen Bereichen literarischen Schaffens“, gegründet 2002 mit Sitz in Ffm., vergibt seit 2004 alle zwei Jahre den „Siegfried Unseld Preis für Literatur und Wissenschaft“ (zuletzt 2012). Zudem besteht die ebenfalls 2002 errichtete „Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“ mit Sitz in Ffm.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Ute Schneider.

Lexika: Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Ute Schneider in: NDB 26 (2016), S. 650-652. | Hessische Landesregierung: Im Dienste der Demokratie. Die Trägerinnen und Träger der Wilhelm-Leuschner-Medaille. Hg. v. d. Hessischen Staatskanzlei. Wiesbaden 2004.Trägerinnen u. Träger d. Wilhelm-Leuschner-Medaille 2004, S. 130f.
Literatur:
                        
Beier, Gerhard: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch 150 Jahre (1834-1984). Ffm. 1984. (Die Hessen-Bibliothek im Insel Verlag).Beier: Arbeiterbewegung 1984, S. 589. | Fellinger, Raimund/Reiner, Matthias (Hg.): Siegfried Unseld. Sein Leben in Bildern und Texten. Berlin 2014.Fellinger/Reiner (Hg.): Siegfried Unseld 2014. | Hoffmann, Hilmar: Die großen Ffter. Ehrenwürdige Bürger und Ehrenbürger [von Karl dem Großen bis Friedrich von Metzler]. 4., durchges. Aufl. Ffm. 2012.Hoffmann: Die großen Ffter 2012, S. 191-195. | Link, Katja: Fft. Das Profil einer Stadt. Portrait of a City. Physionomie d’une Ville. Dortmund 1968.Link: Profil einer Stadt 1968, S. 316f. | Michalzik, Peter: Unseld. Eine Biographie. München 2002.Michalzik: Unseld 2002, genehmigte u. überarb. Taschenbuchausgabe 2003; darin auch ein Verzeichnis der Bücher, Aufsätze und Herausgabearbeiten von Siegfried Unseld, S. 371-381. | Sarkowicz, Hans (Hg.): Die großen Ffter. Nach einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks. 2. Aufl. Ffm./Leipzig 1994.Sarkowicz (Hg.): Die großen Ffter 1994, S. 273. | Siegfried Unseld Chronik 1970. Mit den Chroniken Buchmesse 1967, Buchmesse 1968 und der Chronik eines Konflikts 1968. Berlin 2010. (Siegfried Unseld Chronik 1).Siegfried Unseld Chronik 1970. | Siegfried Unseld Chronik 1971. Hg. v. Ulrike Anders, Raimund Fellinger und Katharina Karduck. Berlin 2014. (Siegfried Unseld Chronik 2).Siegfried Unseld Chronik 1971. | Wolters, Dierk: Große Namen in Fft. Wer wo lebte. Ffm. 2009, erw. Neuaufl. 2012.Wolters: Wer wo lebte 2009, S. 106f.; Neuaufl. 2012, S. 159-161. | Siegfried Unseld. Veröffentlichungen 1946 bis 1999. Eine Bibliographie. Zum 28. September 1999. Bearb. v. Burgel Zeeh. Ffm. 1999.Werkverzeichnis: Zeeh (Bearb.): Siegfried Unseld. Veröffentlichungen 1999.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/4.554. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/N 30.547 (Siegfried-Unseld-Preis für Literatur und Wissenschaft, ab 2004).
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_UnseldWikipedia, 8.1.2019.

GND: 118763784 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Schneider, Ute: Unseld, Siegfried. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/4570

Stand des Artikels: 10.1.2019
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 01.2019.