Oswalt, Wilhelm Ernst

Inhaber des Verlags „Rütten & Loening“.

Oswalt, Wilhelm Ernst. Verleger. * 15.3.1877 Ffm., † 30.6.1942 KZ Sachsenhausen.
Sohn von Heinrich O. (1830-1891) und dessen Ehefrau Brandine, geb. Deichler (1841-1915). Sein Vater war ein Neffe des Verlegers Joseph Rütten. Dieser hatte 1844 gemeinsam mit Zacharias Löwenthal, der sich später Karl Friedrich Loening nannte, in Ffm. die „Literarische Anstalt“ gegründet. Aus dem Unternehmen ging 1859 der Verlag „Rütten & Loening“ hervor, der aktuell als eines von mehreren Programmen im Berliner Aufbau Verlag fortlebt. Der erste große Erfolg war 1845 das schon bald weltberühmte Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann. Noch im selben Jahr verlegte die „Literarische Anstalt“ mit „Die heilige Familie“ das erste Gemeinschaftswerk von Karl Marx und Friedrich Engels. Zum Verlagsprogramm gehörten Gesamtausgaben Georg Büchners, Ludwig Börnes und Karl Gutzkows.
Ab 1901 leitete O. den Verlag „Rütten & Loening“. 1905 gewann er den Religionsphilosophen Martin Buber als Cheflektor; zum Prokuristen und späteren Teilhaber bestimmte O. den Verleger Dr. Adolf Neumann (1878-etwa 1956). In den 1920er Jahren war das Verlagsprogramm belletristisch geprägt. Zum Autorenstamm gehörten jetzt mit Romain Rolland, Karl Gjellerup und Sigrid Undset auch Träger und eine Trägerin des Nobelpreises für Literatur.
1918 heirateten O. und Wilhelmine Rosenhaupt (1883-1938), eine Lehrerin jüdischer Herkunft, im Ffter Römer. Das Paar bekam zunächst eine Tochter; sie überlebte die Geburt nur kurz. Wenig später wurden die Söhne Heinrich, genannt „Heiri“, O. (1920-1996) und Ernst Ludwig, genannt „Lux“, O. (1922-1942) geboren. Die Familie war wohlhabend und bewohnte in der Eschenheimer Anlage 10 eine großbürgerliche Villa. 1929 folgte der Umzug in das Verlagshaus, Merianstraße 55. O. bekannte sich zum Protestantismus; beide Söhne wurden in der Peterskirche getauft. „Der Struwwelpeter“ begleitete den leidenschaftlichen Verleger stets; auch im familiären Alltag hatte das Kinderbuch eine große Bedeutung. So bekamen „Heiri“ und „Lux“ von ihrem Vater immer wieder neue Ausgaben geschenkt. Zu seinem Schulabschluss etwa erhielt „Heiri“ die lateinische Version mit dem Titel „Petrus Hirsutus“. Wilhelmine O. erkrankte 1934 an Leukämie und starb vier Jahre später.
Nach der „Machtübernahme“ durch die Nationalsozialisten 1933 und spätestens ab Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze 1935 wurde die Familie O. aufgrund der jüdischen Herkunft stigmatisiert und verfolgt. Die Verlagsräume „Rütten & Loening“ und das Wohnhaus in der Merianstraße musste O. aufgeben. „Ich schreibe Ihnen heute als Verleger, der bald keiner mehr sein wird“, heißt es in seinem Abschiedsbrief an Autoren und Geschäftspartner. [Zit. nach Renate Hebauf in: Daume u. a. (Hg.): Getauft, ausgestoßen – und vergessen? 2013, S. 227.] Das Unternehmen selbst wurde zum 30.6.1936 auf Weisung der Reichsschrifttumskammer an den Verlag „Albert Hachfeld“ in Potsdam verkauft. Teilhaber Neumann rettete sich über Norwegen nach Schweden.
Der ältere Sohn Heinrich O. absolvierte sein Abitur an der Musterschule und ging 1937 zum Studium der Elektrotechnik an die ETH Zürich. Nach den Novemberpogromen 1938 konnte er nicht mehr nach Ffm. zurückkehren. Alle Versuche, Vater und Bruder zu retten, scheiterten; beide sollte er nie wiedersehen. „Heiri“ O. blieb im Exil, heiratete und gründete eine Familie. Mit O. und „Lux“ hielt er jedoch regelmäßig Briefkontakt. Der jüngere Sohn Ernst Ludwig O., 1936 noch konfirmiert, engagierte sich in der Gemeindearbeit der Peterskirche. Er leitete Kindergottesdienste und inszenierte Theaterstücke für Jugendliche; doch spätestens 1941 wurde ihm diese Mitarbeit von der Kirche untersagt. Eine Ausbildung zum Buchbinder musste „Lux“ verfolgungsbedingt abbrechen. Später leistete er Zwangsarbeit in einer Fell- und Häutehandlung.
O. und „Lux“ wohnten zuletzt in der Bettinastraße 48. Nach einer Vorladung bei der Geheimen Staatspolizei und einigen Wochen Haft, weil er angeblich den diskriminierenden „Judenstern“ nicht vorschriftsgemäß auf der Kleidung getragen hatte, wurde O. im Juni 1942 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er noch im selben Monat im Alter von 65 Jahren starb. Von der Deportation und dem Tod des Vaters erfuhr der Sohn nichts mehr, da er selbst am 11.6.1942 zur Ffter Großmarkthalle gezwungen und von dort gewaltsam verschleppt wurde. In dem überlieferten Brief „Meinen Freunden zum Abschied“ vom 9.6.1942 schrieb „Lux“: „Ich weiß nicht, was vor mir liegt, vielleicht ist das gut so (…).“ (Zit. nach Heike Drummer in: Erinnerungsstätte an der Ffter Großmarkthalle 2016, S. 113.) Das Zitat ist seit 2015 Teil der Erinnerungsstätte an der Ffter Großmarkthalle. Der Transport mit 1.240 Personen fuhr nach Polen in die Region Lublin. Vermutlich wurde der 19-Jährige in einem Vernichtungslager – Majdanek oder Sobibor – ermordet. Möbel und Hausrat von O. wurden 1942/43 durch die Ffter Firma „Emil Neuhof“ versteigert; die „Ffter Bücherstube Schumann & Cobet“ übernahm O.s wertvolle Privatbibliothek. Das restliche Bankguthaben zog das Finanzamt Ffm.-Außenbezirk ein.
Seit 2013 Stolpersteine für Wilhelm Ernst und seinen Sohn Ernst Ludwig O. vor der letzten Wohnadresse der Familie in der Bettinastraße 48 im Ffter Westend.
O. ist einer jener „Struwwelväter“ aus dem gleichnamigen Theaterstück, das die Enkelin, die Schweizer Schauspielerin Ruth C. Oswalt (* 1946), mit ihrem Ehemann, dem in Offenbach/Main geborenen Schauspieler und Autor Gerd Imbsweiler (1941-2013), und vier weiteren Theaterschaffenden auf der Grundlage hunderter gefundener Briefe verfasste und unter dem eigenen Label „IMBOS“ spielte. 2011 wurde es im von Imbsweiler und Oswalt gegründeten Vorstadttheater Basel uraufgeführt; im Frühjahr 2016 war es auch im Ffter „Theaterhaus“, Schützenstraße 12, zu sehen. In dem Stück werden Episoden aus dem „Struwwelpeter“ mit der tragischen Familiengeschichte von O. verwoben.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Heike Drummer.

Literatur:
                        
Daume, Heinz u. a. (Hg.): Getauft, ausgestoßen – und vergessen? Zum Umgang der evangelischen Kirchen in Hessen mit den Christen jüdischer Herkunft im Nationalsozialismus. Ein Arbeits-, Lese- und Gedenkbuch. Hanau 2013.Hebauf, Renate: Wilhelm Ernst Oswalt und Ernst Ludwig Oswalt: Der Verleger und der Jungscharführer. In: Daume u. a. (Hg.): Getauft, ausgestoßen – und vergessen? 2013, S. 226-231. | Drummer, Heike/Zwilling, Jutta: Von Börne zu Reich-Ranicki. Juden und Publizistik in Fft. auf dem Weg in die Moderne. Hg. v. Jüdischen Museum Ffm. Mit einem Beitrag von Michael Nagel. Ffm. 2009.Drummer/Zwilling: Von Börne zu Reich-Ranicki 2009, S. 20-31. | Gross, Raphael/Semmelroth, Felix (Hg.): Erinnerungsstätte an der Ffter Großmarkthalle. Die Deportation der Juden 1941-1945. Das künstlerische Konzept der Erinnerungsstätte von Marcus Kaiser und Tobias Katz und Beiträge zur historischen Bedeutung des Ortes. Mit einer Fotodokumentation von Norbert Miguletz. München/London/New York [2016].Drummer, Heike: Ernst Ludwig Oswalt. In: Erinnerungsstätte an der Ffter Großmarkthalle 2016, S. 113-115. | Lübbecke, Fried: Fünfhundert Jahre Buch und Druck in Ffm. Ffm. 1948.Lübbecke: Buch u. Druck 1948, S. 126f.
Quellen: Familiennachlass Ruth C. Oswalt, Basel.Familiennachlass Ruth C. Oswalt, Basel. | Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.Hebauf, Renate: Ein tröstendes Wort für die Freunde noch im Angesicht des nahen Endes. Die Geschichte des jüdischen Verlegers Wilhelm Ernst Oswalt und seiner Familie blieb jahrzehntelang im Dunkeln. (...) In: FAZ, 18.6.2013. | Film.Film: „Meinen Freunden zum Abschied“. Ernst Ludwig Oswalt, genannt „Lux“ (1922-1942). Dokumentarfilm von Heiko Arendt, 80 Min., Deutschland 2019. | Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518/41218, Abt. 519/3, 5370.
Internet: Stolpersteine in Ffm., Internetdokumentation der Initiative Stolpersteine in Ffm. e. V., Ffm. http://www.stolpersteine-frankfurt.de/downloads/doku2013.pdf
Hinweis: Initiative Stolpersteine Ffm., 11. Dokumentation 2013, S. 95-97.
Stolpersteine in Ffm., 31.3.2020.
| „Struwwelväter“, Internetseiten zum Theaterprojekt von IMBOS, Basel. http://www.struwwelvaeter.ch/Struwwelvaeter/Home.html„Struwwelväter“, 31.3.2020.

© 2020 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Drummer, Heike: Oswalt, Wilhelm Ernst. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/5777

Stand des Artikels: 4.4.2020
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 04.2020.