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Loen, Johann Michael von

Johann Michael von Loen

Johann Michael von Loen
Kupferstich (1751; im Besitz der UB Ffm.).

© Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Ffm. (Porträtsammlung Holzhausen, Nr. 331, URN: urn:nbn:de:hebis:30:2-315935).
Loen, Johann Michael von. Königlich Preußischer Wirklicher Geheimer Rat. Schriftsteller. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.~ 13.12.1694 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 24.7.1776 Lingen/Emsland.
L. selbst schrieb seinen Nachnamen einfach „Loen“ (ohne Trema). Die Schreibung „Loёn“ (mit Trema) kam erst später auf.
L. stammte väterlicherseits aus einer niederländischen reformierten Kaufmannsfamilie aus Venlo, die 1623 nach Ffm. gekommen war. Sohn des Ffter Bürgers und Handelsmanns Michael L. (1663-1736) und dessen erster Ehefrau Marie (auch: Maria), geb. Passavant (1669-1697), einer Tochter des wohlhabenden reformierten Kaufmanns Rudolff Emanuel Passavant (1641-1718). Bruder: Rudolff (auch: Rudolff Emanuel) von L. (1693-1729), Bankier. Verheiratet (seit 1729) mit der Juristentochter Catharina Sibylla von L., geb. Lindheimer (1702-1776), aus Wetzlar, die lutherischer Konfession war. Aus der Ehe stammten sieben Kinder, von denen vier Söhne das Erwachsenenalter erreichten: Johann Michael von L. (1731-1807), Hauptmann in hessen-kasselischen Diensten; Johann Wolfgang von L. (1732-1783), Hofkammerrat der Grafen Solms-Laubach; Rudolph (auch: Rudolph Emanuel) von L. (1734-1813), Gräflich Bentheimischer Stallmeister; Johann Jost (auch: Just) von L. (1737-1803), Fürstlich Anhalt-Dessauischer Hofmarschall. Goethe war mit L. verwandt: L.s Ehefrau Catharina Sibylla von L. und Goethes Großmutter Anna Margaretha Textor (1711-1783), beide geb. Lindheimer, waren Schwestern; somit war L. ein Großonkel von Johann Wolfgang Goethe.
Nach dem frühen Tod der Mutter kümmerte sich der Großvater Rudolff Emanuel Passavant um L.s Erziehung. L. besuchte die fürstlich-isenburgische Lateinschule in Birstein. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften, zunächst in Marburg (ab Mai 1711), dann in Halle (ab November 1712). Bei Christian Thomasius (1655-1728) und Nicolaus Hieronymus Gundling (1671-1729) in Halle lernte er die Ideen der frühen Aufklärung kennen. 1715/16 war er Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar. Auf der Suche nach einer Stellung unternahm er verschiedene Reisen, u. a. an die Höfe in Berlin, Dresden und Wien. In Wien erhielt er das Gesandtschaftsrecht für eine Reise nach Konstantinopel, die jedoch nicht zustande kam, weil der Großvater nicht zustimmte. L. suchte im Sommer 1718 am Dresdner Hof nach, um dessen Geschäfte in Ffm. und den umliegenden Höfen zu erledigen, was positiv beschieden wurde. Aber nach dem Tod des Großvaters im Dezember 1718 ermöglichte ihm dessen Erbe weitere Reisen, u. a. in die Schweiz, nach Norditalien und Frankreich, in die Niederlande und nach Norddeutschland. 1720 bemühte sich L. in Berlin um den Posten eines preußischen Ministers am Oberrheinischen Kreis und erhielt nur den Titel eines Königlich Preußischen Hofrats, der ihm jedoch überall Zugang verschaffte. Die an den Höfen und auf Reisen gewonnenen Erfahrungen, die L. in ersten Essays verarbeitete, stärkten seine Abneigung gegen das Hofleben.
1724 ließ sich L. als Privatgelehrter und Schriftsteller in Ffm. nieder. Er lebte zunächst in einem Haus an der Gallusgasse; zudem kaufte er zusammen mit seinem Bruder Rudolff von L. 1724 das Merian’sche Landhaus „auf der Windmühle“ am Main als Sommersitz. L. besaß eine bedeutende Bibliothek, sammelte Kunst und hatte das Merian’sche Kupferstichkabinett erworben. Sein Haus wurde zum Mittelpunkt der gelehrten Gesellschaft und eines wöchentlichen Zeitungskollegiums. Nach dem Tod des Bruders (1729) ging das Landhaus in seinen alleinigen Besitz über. In zwei Schriften, die er unter Pseudonymen 1724 und 1726 veröffentlicht hatte, setzte sich L. allgemein für die Vereinigung der Reformierten und der Lutheraner ein. Durch seine Heirat mit der lutherischen Catharina Sibylla Lindheimer 1729 vollzog er diese Union privat. Den christlichen Glauben praktizierte er mit seiner Familie in Hausandachten. 1733 kaufte L. das Rittergut Mörfelden. Großen Erfolg brachten dem Schriftsteller sein Roman „Der Redliche Mann am Hofe; oder die Begebenheiten des Grafens von Rivera“ (1740) und seine Beschreibung der Ffter Verhältnisse vor und während der Krönung des Kaisers Karl VII., die er in Briefen aus der Sicht eines Fremden in französischer Sprache veröffentlichte („Lettres curieuses d’un gentilhomme allemand touchant le moeurs et les affaires du temps“, 1741/42, dt. 1750). Dadurch wurde der preußische König Friedrich II. (1712-1786) auf ihn aufmerksam. Seit 1745 wohnte L. ganzjährig in dem Landhaus „auf der Windmühle“. Er versammelte die verschiedensten Menschen, unabhängig von ihrer Standes- und Konfessionszugehörigkeit, um sich. Als über die Stadt hinaus bekannte Persönlichkeit suchten ihn viele Fremde auf. Zu seinen Ffter Freunden zählten Gelehrte wie der Arzt Johann Philipp Burggrave jun., der Jurist Johann Daniel Olenschlager, der Historiker Georg August von Lersner und die Brüder Zacharias Conrad und Johann Friedrich von Uffenbach.
Als preußischer Hofrat war L. in diplomatischer Mission an den Höfen der Umgebung tätig. Er arbeitete dem befreundeten preußischen Justizreformer Samuel von Cocceji (1669-1755) zu, indem er Vorschläge für die Verkürzung von Gerichtsprozessen machte. Angesichts der vielen Kriege in Europa entwarf er einen europäischen Staatenbund, dessen zentrales Gremium ein Rat aus 50 Juristen als Friedensrichtern sein sollte. Als Aufklärer, der die Religion auf eine vernünftige, für alle Menschen verständliche Grundlage stellen wollte, strebte er den Frieden zwischen den protestantischen Konfessionen durch die Vereinigung von Reformierten und Lutheranern aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten an. Diese Idee stieß im lutherischen Ffm. auf Widerstand.
Die Trauung von Catharina Elisabeth Textor und Johann Caspar Goethe, den späteren Eltern von Johann Wolfgang und Cornelia Goethe, fand am 20.8.1748 in L.s Haus „auf der Windmühle“ statt. Sie wurde von Pfarrer Johann Philipp Fresenius vollzogen, der ein entschiedener Gegner der Reformierten in Ffm. war. Die Reformierten standen seit 1747 in Verhandlungen mit dem Ffter Rat um die Errichtung einer Kirche innerhalb der Stadt. Auch L. war in diese Auseinandersetzungen verwickelt. Er bezog Stellung für die Reformierten und warb (vergebens) für Toleranz sowie religiöse und rechtliche Gleichstellung der Reformierten. Es war bekannt, dass er der Meinung war, über eine Union von Lutheranern und Reformierten könnte obrigkeitlich, d. h. vom Kaiser, entschieden werden. Insofern stellte L. mit seinen diplomatischen Kontakten für den lutherischen Rat der Stadt, der den Reformierten nicht entgegenkommen wollte, eine Gefahr dar. Als L. unter seinem eigenen Namen die Schrift „Die einzige wahre Religion, allgemein in ihren Grund-Sätzen / verwirrt durch die Zänkereyen der Schriftgelehrten, zertheilet in allerhand Secten, vereiniget in Christo“ (2 Teile, 1750/52) veröffentlichte, wurde er sofort von auswärtigen Theologieprofessoren vernichtend kritisiert. So rückte man ihn fälschlich in die Nähe des bibelkritischen Theologen Johann Christian Edelmann, dessen Bücher 1750 vor dem Römer verbrannt wurden. L. vermutete die Anstifter zur Kampagne gegen sich bei lutherischen Pfarrern in Ffm. Auch persönlich hatte er Anfeindungen als „Synkretist“ zu erleiden.
Auf Vermittlung von Freunden in Lingen und Berlin wurde L. das Amt des Regierungspräsidenten der zusammengelegten preußischen Grafschaften Lingen und Tecklenburg in Lingen im Emsland angeboten. Er trat das Amt 1752 an und stand damit künftig mit dem Titel eines Geheimen Rats im Dienst des preußischen Königs Friedrich II. Zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs wurde L. von französischen Truppen gefangen genommen und blieb vier Jahre lang (1757-61) als Geisel in der Festung Wesel inhaftiert, bis er gegen einen seiner Söhne ausgetauscht wurde. Nach seiner Befreiung kam es zu einem Treffen mit König Friedrich II. L. übte das Amt des Regierungspräsidenten in Lingen bis 1765 aus. Er bemühte sich noch um eine Neuausgabe seiner Schriften, vergeblich, da die früheren Verleger ihre Rechte nicht abtreten wollten. L. erblindete und starb vier Monate nach seiner Frau 1776 in Lingen. Das Ehepaar von L. wurde in der reformierten Kirche in Lingen bestattet, wo ihm die vier Söhne ein Epitaph errichteten. Den lange verfolgten Wunsch, wieder ein Gut zu erwerben, konnte L. nicht mehr realisieren. 1777 kauften zwei seiner Söhne, Johann Michael und Johann Jost von L., das Rittergut Haus Cappeln in Westerkappeln im Tecklenburger Land.
Noch im hohen Alter hatte L. aufmerksam die Entstehung der literarischen Werke seines Großneffen Johann Wolfgang Goethe verfolgt. Goethe porträtierte ihn in „Dichtung und Wahrheit“ (I,2) und übernahm darin teilweise L.s Beschreibung der Krönung Karls VII. für seine Schilderung der Krönung Josephs II.
L.s Werke waren in einer für die Zeit ungewöhnlich flüssigen Prosa geschrieben. Er behandelte zahlreiche Themen seiner Zeit mit feiner Beobachtungsgabe, in gut verständlicher Sprache und ironischem Stil. Er publizierte in Latein, Französisch und Deutsch. L. verfolgte in seinen Werken den Gedanken der frühen Aufklärung, dass neben der Abkehr vom Aberglauben und der Anwendung der Vernunft die moralische „Verbesserung“ des Menschen eingefordert werden müsse, wodurch sich dann die Verhältnisse in Staat und Kirchen bessern könnten. Die Triebfeder dazu sei die Selbstliebe, das Band, das den Menschen zugleich mit Gott und dem Nächsten verbinde. Hier zeigte sich seine optimistische, auf Lebensgenuss und friedlichen Ausgleich gerichtete Haltung, mit der er sich von der reformierten wie der lutherischen Lebensführung entfernt hatte.
L.s Hauptwerk war der Roman „Der Redliche Mann am Hofe; oder die Begebenheiten des Grafens von Rivera“ (1740), der – angeregt durch Fénelons „Die Abenteuer des Telemach“ (1699, dt. 1727) – als einer der ersten Romane der Aufklärung gilt und bis heute viele Auflagen erreichte. L. verfasste Reisebeschreibungen, die heute von kulturhistorischer Bedeutung sind, und Porträts von bekannten Personen, mit denen er Umgang hatte (z. B. von dem Architekten und Offizier Johann Friedrich Eosander Freiherrn Göthe und dem in Ffm. wirkenden Journalisten Antoine de La Barre de Beaumarchais), sowie Abhandlungen zu staatswissenschaftlichen, juristischen, philosophischen und religiösen Themen, aus denen abzulesen war, wie die vernunftmäßige Verbesserung der Verhältnisse auszusehen habe. In seinen religionsphilosophischen Schriften wollte L. alle positiven Glaubenslehren auf einen ursprünglichen vernünftigen Kern zurückführen, auf „die einzige wahre Religion“, die auf Frömmigkeit aus innerer Erfahrung (auf der „natürlichen Religion“) basiere. Er wandte sich gegen alle aus der Bibel nicht zu begründenden Dogmen, weltliche Machtansprüche der Geistlichkeit und konfessionelle Streitigkeiten. Seine religionskritischen Schriften zielten auf Toleranz, waren aber gerade deshalb heftig umstritten.
Weitere Werke (in Auswahl): „Die Güldene Bulle Kayser Carls IV.“ (Textausgabe und Übersetzung, 1741), „Der Kaufmanns-Adel“ (1742), „Freie Gedancken zur Verbesserung der Menschlichen Gesellschafft“ (ab 1746) „Gesammlete [sic!] Kleine Schriften“ (4 Bde., 1749-52), „Jesus, der einzige Lehrer des Glaubens und der Seligkeit“ (1751), „Des Herrn von L*** moralische Gedichte“ (1751), „Der Adel“ (1752) sowie Übersetzungen (Fénelon, Racine).
Herausgabearbeiten: Hiob Ludolfs „Allgemeine Schau-Bühne der Welt“ (5. Teil, 1731), „Herrn Eosanders, Freyherrn von Göthe/ (…) Wohl unterwiesener Deutscher Soldat (…). Nebst Einer kurtzen Betrachtung des Soldaten-Standes von Herrn J. M. von Loen“ (1739), „Neue Sammlung der merkwürdigsten Reisegeschichten (…)“ (1749).
Fünf Kupferstichporträts (u. a. von Andreas Reinhardt, 1749, von Johann Martin Bernigeroth, 1752, und von Johann Jacob Haid, o. J., alle drei nach einem Gemälde von Franz Joseph Eichhorn, 1745) in der Porträtsammlung Holzhausen und ein Kupferstichporträt (von Johann Martin Bernigeroth, 1752, nach einem Gemälde von Franz Joseph Eichhorn, 1745) in der Porträtsammlung Manskopf im Besitz der UB Ffm.
L.s barockes Landhaus „auf der Windmühle“, zuletzt (seit 1878) im Besitz von Philipp Holzmann, der es sich als Wohnhaus grundlegend umbauen ließ, wurde 1928 abgerissen; auf dem Gelände entstand 1930-31 das Gewerkschaftshaus. Vier Figuren antiker Gottheiten (Minerva, Pluto, Juno, Diana) und zwei Ziervasen aus dem L.’schen Garten an der Windmühle sind erhalten geblieben und stehen heute (seit 2017) in der Skulpturengalerie an der Südfassade des Neubaus vom Historischen Museum.
Der Sohn Johann Wolfgang von L. wurde als erster der Familie 1771 in Ffm. in die Patriziergesellschaft Frauenstein aufgenommen. Einer von dessen beiden Söhnen, der Wirkliche Kaiserliche Rat Johann Michael von L. (1760-1797), gehörte seit 1785 dem Rat der Stadt Ffm. an. Mit seinem Tod 1797 endete die Familie von L. in Ffm.
Loёnstraße im Nordend.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Marianne Rodenstein.
Artikel in: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 465f., verfasst von: Sabine Hock.

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Quellen: Ffter Allgemeine Sonntagszeitung. Ffm. 1990-heute.Reiss, Hans: Er war Goethes reicher Onkel in Fft. Vor 300 Jahren wurde der Schriftsteller [Johann] Michael von Loen geboren (...). In: FAS, Nr. 50, 18.12.1994, S. 27. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/3.022. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/8.522 (Familie Loen).
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie, Hg.: Wikimedia Foundation Inc., San Francisco/Kalifornien (USA). https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Michael_von_LoënWikipedia, 12.7.2026.

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Empfohlene Zitierweise: Rodenstein, Marianne: Loen, Johann Michael von. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/3105

Stand des Artikels: 13.7.2026
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 07.2026.