Textor, Johann Wolfgang (1693-1771)

Stadtschultheiß von 1747 bis 1770. Goethes Großvater.

Textor, Johann Wolfgang. Kaiserlicher Wirklicher Geheimer Rat. Dr. jur. Jurist. Politiker. * 11.12.1693 Ffm., † 6.2.1771 Ffm.
Sohn des kurpfälzischen Hofgerichtsrats Christoph Heinrich T. (1666-1716). Enkel von Johann Wolfgang T. Vater von Johann Jost T.
Seit 1702 Besuch des Ffter Gymnasiums. Von 1712 bis 1717 Jurastudium in Altdorf. Anschließend zunächst als Praktikant, später als Prokurator am Reichskammergericht in Wetzlar. Promotion in Gießen. 1727 kehrte T. nach Ffm. zurück und vermählte sich noch im gleichen Jahr mit der aus Wetzlar stammenden Anna Margaretha Lindheimer (1711-1783). Die älteste Tochter Catharina Elisabeth heiratete 1748 den Kaiserlichen Rat Johann Caspar Goethe. Deren 1749 geborener Sohn Johann Wolfgang erhielt nach seinem Großvater und Paten die Vornamen.
Bei seiner Rückkehr nach Ffm. wurde T., obwohl er noch nicht das Ffter Bürgerrecht besaß und darum unter Protest der bürgerlichen Kollegien, umgehend in den Ffter Rat aufgenommen. Wie schon sein Großvater wurde er im Rat mit der Führung reichsstädtischer Rechtsgeschäfte betraut, vor allem beim Reichskammergericht in Wetzlar und als Vertreter der Stadt Ffm. auf Reichstagen. 1731 rückte er in das Schöffenamt auf und bekleidete in den Jahren 1738, 1741 und 1743 das Amt des Älteren Bürgermeisters. Mit der Wahl zum Reichs- und Stadtschultheißen, dem Vertreter des Kaisers in Ffm., stieg T. 1747 zum höchsten Beamten der Stadt auf. Erst ein gutes halbes Jahr vor seinem Tod legte T., seit 1768 nach einem Schlaganfall teilweise gelähmt, die Amtsgeschäfte nieder.
Der besonnene Politiker, versierte Jurist und konfessionell tolerante Christ war, gemäß seinem Amt und der Familientradition, pro-kaiserlich und anti-preußisch gesinnt. Dies führte während der französischen Besetzung Fft.s im Siebenjährigen Krieg zu erheblichen Auseinandersetzungen mit Teilen der Ffter Bürgervertretung, die T.s politische Karriere von jeher missbilligten, wie auch mit der eigenen Familie. Zu T.s schärfsten Gegnern gehörten die Brüder Johann Christian und Johann Erasmus Senckenberg. Die Beschuldigungen gipfelten in dem Vorwurf, T. habe für Geld die Stadt an die Franzosen verraten. Anlässlich einer Tauffeier kam es im April 1760 zwischen T. und seinem „fritzisch“ gesinnten Schwiegersohn Johann Caspar Goethe aus diesem Grund fast zu Tätlichkeiten. In „Dichtung und Wahrheit“ entwirft der Enkel jedoch folgendes Bild seines Großvaters: „Er sprach wenig, zeigte keine Spur von Heftigkeit; ich erinnere mich nicht, ihn zornig gesehen zu haben. Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe ich niemals eine Neuerung wahrgenommen.“ Gleichzeitig rühmt Johann Wolfgang Goethe die gärtnerischen Talente T.s, denen dieser auf dem sorgsam gepflegten Gartengrundstück des Familienanwesens an der Friedberger Gasse nachging. Die ihm nachgesagten seherischen Fähigkeiten, so hatte er beispielsweise seine Aufnahme in die Schöffenbank „vorhergesehen“, gehörten ebenfalls zum Charakterbild des trotz seines hervorgehobenen Amts eher zurückhaltenden T.
Porträt (Ölgemälde von Jakob Andreas Scheppelin, 1763) im Besitz des Freien Deutschen Hochstifts. Ölporträt seiner Frau Anna Margaretha Justina T., geb. Lindheimer (von unbekannter Hand, um 1765) im Besitz des Freien Deutschen Hochstifts.
Gedenktafel (1932) auf dem Gebiet des (bereits beim französischen Bombardement der Stadt 1796 fast völlig zerstörten) T.’schen Anwesens an der Hausecke Kleine Friedberger Straße 7.
„Der Stadtschultheiß von Ffm.“ (Familienroman von Otto Müller, 1856). „Der alte T.“ (Charakterkomödie von Hans Geisow, UA: Ffter Schauspielhaus, 1924).

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 468f., verfasst von: Reinhard Frost.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Allgemeine Deutsche Biographie. Hg. durch die Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften. 56 Bde. München/Leipzig 1875-1912.Alexander Dietz in: ADB 37 (1894), S. 630-632. | Heyden, Eduard: Gallerie berühmter und merkwürdiger Ffter. Ffm. 1861.Heyden, S. 4-7. | Renkhoff, Otto: Nassauische Biographie. Kurzbiographien aus 13 Jahrhunderten. Wiesbaden 1985, 2., überarb. Aufl. 1992. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau XXXIX).NB 1985, S. 396. Nr. 2279; 1992, S. 805f., Nr. 4406.
Literatur:
                        
Archiv für Fft.s Geschichte und Kunst. Bisher 78 Bde. Ffm. 1839-2019.Dölemeyer, Barbara: Der Stadtschultheiß Johann Wolfgang Textor (1693-1771). In: AFGK 73 (2012): Ffter Stadtoberhäupter, S. 99-112. | Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. 3 Bde. 6. Aufl. Ffm. 1989. (insel taschenbuch 149-151).Goethe: DuW I,1, S. 15, 46-49; I,2, S. 54-56. | Hock, Sabine: Wie finden Sie Goethe? Goethestätten in Ffm. Hg. i. A. d. Dezernats für Kultur und Freizeit der Stadt Ffm., ISG. Ffm. 1999.Hock: Goethestätten in Ffm. 1999, Nr. 2. | Maisak, Petra/Kölsch, Gerhard: Ffter Goethe-Museum. Die Gemälde. „... denn was wäre die Welt ohne Kunst?“ Bestandskatalog. Hg. v. Freien Deutschen Hochstift. Ffm. 2011.Maisak/Kölsch: Gemäldekat. d. Ffter Goethe-Museums 2011, S. 232-234; vgl. auch S. 367.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/236. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S3 (mit Kleinschriften, bes. Zeitungsausschnitten, zur Ortsgeschichte).ISG, S3/6.086 (Haus Textor).

GND: 103114025 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2021 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Frost, Reinhard: Textor, Johann Wolfgang (1693-1771). Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1468

Stand des Artikels: 21.4.1995