Humperdinck, Engelbert

Komponierte in Ffm. die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ (1893).

Humperdinck, Engelbert. Komponist. * 1.9.1854 Siegburg, † 27.9.1921 Neustrelitz.
Aufgewachsen in Siegburg und Paderborn. Zunächst Bauschüler im Büro des Kreisbaumeisters in Siegburg (1871-72). Seit Mai 1872 Besuch des Konservatoriums in Köln. Erste Begegnung mit der Musik Richard Wagners. 1876 bewarb sich H. erfolgreich beim Preisausschreiben der Ffter Mozart-Stiftung; damit erhielt er ein vierjähriges Stipendium. Seit 1877 Fortsetzung des Studiums in München. Dort stärkere Hinwendung zur Musik Wagners und Mitglied des „Ordens vom Gral“, eines Kreises zur ideellen Förderung der Wagner’schen Kunst. Im Februar 1877 Ehrengast (als Stipendiat der Mozart-Stiftung) beim 50. Jubiläum des Ffter Liederkranzes. 1878 Aufführung eigener Werke in München. 1879 gewann H. das Berliner Mendelssohn-Reisestipendium für Italien. Die Zahlungen des Ffter Mozart-Stipendiums wurden unterbrochen, als er ab Dezember 1879 für ein halbes Jahr nach Italien ging.
Damit begann für H. ein unruhiges, vielfach anregendes, aber auch gesundheitlich belastendes Wanderleben mit mehreren Auslandsaufenthalten (Italien, Frankreich, Spanien), das die gesamten 1880er Jahre andauern sollte. Bedeutend wurde seine Begegnung mit Richard Wagner im März 1880 in Neapel. H. gewann schnell das Vertrauen Wagners, so dass dieser ihn einlud, nach Bayreuth zu kommen, um ihm bei der Vorbereitung zur Aufführung des „Parsifal“ zu assistieren. So hielt sich H. ab Januar 1881 bis zur Uraufführung des Werks im Sommer 1882 in Bayreuth auf. Dort war er enger künstlerischer Mitarbeiter von Wagner. Wagners starker Einfluss auf H. hemmte zeitweise seine eigene künstlerische Entwicklung. Schon seit den 1880er Jahren stand H. in Kontakt zu weiteren bedeutenden Musikerpersönlichkeiten, u. a. zu Franz Liszt, Richard Strauss und Hugo Wolf.
Versuche, in den 1880er Jahren eine Anstellung als Kapellmeister zu finden, schlugen fehl. Es kam zu kurzen Lehrtätigkeiten an den Konservatorien von Köln und Barcelona, schließlich zur Beschäftigung als Lektor beim Musikverlag Schott in Mainz. Im Oktober 1889 bat Cosima Wagner H. darum, die musikalische Erziehung ihres Sohnes Siegfried zu übernehmen. 1890 lud sie ihn ein, drei Monate als ihr Gast in Ffm. zu verbringen. Ab Mai des Jahres hielt sich H. in Ffm. auf. Hier verkehrte er u. a. mit den Malern Hans Thoma und Wilhelm Steinhausen sowie mit Städeldirektor Henry Thode. H. plante zunächst nicht, länger in Ffm. zu bleiben. Offenbar sah er hier kaum berufliche Entfaltungschancen, da Clara Schumann, die Witwe von Robert Schumann, in Ffm. lebte und einen bedeutenden Einfluss auf das Musikleben der Stadt, insbesondere am Hoch’schen Konservatorium, ausübte. Aufgrund der antipodischen Stellung Wagners und Schumanns schienen sich für H. als Wagnerianer in Ffm. keine Möglichkeiten zu bieten. Vom Hoch’schen Konservatorium hatte sich allerdings bereits im April 1883 ein Teil der Lehrerschaft abgespalten und unter Mithilfe von Hans von Bülow, dem berühmten Pianisten, Kapellmeister und früheren Ehemann von Cosima Wagner, das Raff-Konservatorium als Konkurrenzinstitut gegründet. Um zu verhindern, dass H. von diesem Institut verpflichtet wurde, bekam er vom Hoch’schen Konservatorium das Angebot, dort als Lehrer tätig zu sein, freilich nur mit einer geringen Stundenzahl und bei fühlbarer Distanzierung durch Direktor Scholz. Clara Schumann hingegen zeigte sich später H. durchaus wohlgesinnt. Darüber hinaus bot Leopold Sonnemann H. an, das Opernreferat der FZ zu übernehmen. So siedelte H. im Herbst 1890 ganz nach Ffm. über.
In Ffm. entstand in den folgenden Jahren die Märchenoper „Hänsel und Gretel“, mit der H. berühmt wurde und in die Musikgeschichte einging. Die Anregung zu diesem Stoff war eher beiläufig von seiner Schwester Adelheid Wette gekommen. Sie hatte verschiedentlich Märchen dichterisch bearbeitet und ihren Bruder zu eher privaten Zwecken um Vertonung ihrer Vorlagen gebeten. So trat sie im Mai 1890 mit einer Neubearbeitung von „Hänsel und Gretel“ an ihren Bruder heran. Die psychische Dramatik des Stoffes war gegenüber der Urfassung der Brüder Grimm deutlich gemildert. Der oft als schweigsam, etwas realitätsfremd und „gütig“ charakterisierte H. schien den ihm gemäßen Stoff gefunden zu haben. Nach Überarbeitung der Textfassung erstellte er im Lauf des Jahres 1890 eine Singspielfassung. In den folgenden beiden Jahren arbeitete H. das Werk zur durchkomponierten Oper aus. Mehrere Bühnen in Deutschland bekundeten Interesse an einer Aufführung des Stückes. Am 23.12.1893 kam es in Weimar unter der Leitung von Richard Strauss zur Uraufführung. „Hänsel und Gretel“ war ein großer Erfolg. Sogleich fand das Stück weite Verbreitung. Schon 1894 brachten es über 50 Bühnen zur Aufführung, u. a. Hamburg unter der Leitung von Gustav Mahler und Dessau unter der Regie von Cosima Wagner. In der Ffter Oper gelangte das Werk am 11.3.1894 zur Erstaufführung. Später kam es zur Übersetzung des Textes in 17 Sprachen und zu zahlreichen Aufführungen im europäischen und überseeischen Ausland. Mit „Hänsel und Gretel“ hatte H. eine neue Gattung, die Märchenoper, geschaffen. Die Popularität seines Stückes beruhte vor allem auf der Volkstümlichkeit der Melodien und der Naivität des Stoffes. Damit hatte H. eine historisch-romantische Stimmung, die besonders in der wilhelminischen Gesellschaft weitverbreitet war, offenbar gut getroffen.
Seine Tätigkeit als Kritiker der FZ und seine Lehrtätigkeit am Hoch’schen Konservatorium führte H. unterdessen weiter. In die spätere Ffter Zeit H.s fiel die Bearbeitung weiterer Märchenstoffe, vor allem der Erzählung von den „Königskindern“. Dieses Werk wurde im Januar 1897 in München uraufgeführt. H. hatte hier mit neuen Techniken experimentiert. So hatte er die Sprechnote entwickelt, die eine künstlerische Umsetzung des Librettos zwischen Sprechen und Singen ermöglichen sollte. Diese Technik wurde später von Arnold Schönberg aufgegriffen und weiterentwickelt. H. komponierte seine „Königskinder“ zehn Jahre später allerdings zur Volloper aus. Ähnlich wie „Hänsel und Gretel“ war sie zu Lebzeiten des Komponisten sehr erfolgreich.
1897 endete H.s Ffter Zeit. Mit seiner Familie übersiedelte er nach Boppard, wo er als freier Komponist lebte. Im Jahr 1900 erhielt H. einen Ruf als Kompositionslehrer an die Hochschule für Musik in Berlin (bis 1920). Mitglied des Senats, später (1911) Vizepräsident der Akademie der Künste. Im Musikleben genoss H. schließlich internationale Anerkennung. So wurde ihm die Übernahme der Leitung des Nationalkonservatoriums in New York angeboten, die H. 1913 zusagte; der Erste Weltkrieg verhinderte jedoch die Realisierung des Vorhabens.
Während seiner Ffter Jahre, in denen er auch seine Familie gründete, wohnte H. an verschiedenen Plätzen in der Stadt, zuletzt im Haus Grüneburgweg 95, wo auch der Schöpfer des „Struwwelpeter“, Heinrich Hoffmann, bis zu seinem Tod 1894 lebte. Eine Gedenktafel an dem Haus weist auf die beiden prominenten Bewohner hin.
Nachlass in der Sammlung Musik- und Theater der UB Ffm.
H.straße in Sachsenhausen. Engelbert-H.-Schule, eine Grundschule, im Westend. Engelbert-H.-Saal im Hoch’schen Konservatorium.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 363-365, verfasst von: Andreas Hansert.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Lexika: Schaefer, Hartmut: Komponisten in Ffm. Ausstellungskataloge der Stadt- und Universitätsbibliothek. 2 Folgen. Ffm. 1979/81.Schaefer: Komponisten 1 (1979), S. 28-32.
Literatur:
                        
Cahn, Peter: Das Hoch’sche Konservatorium in Ffm. 1878-1978. Ffm. 1979.Cahn: Hoch’sches Konservatorium 1979, S. 129-133, 137, 158, 177, 263, 295, 353 Anm. 120, 354 Anm. 133 u. 136 (m. Bild auf S. 131). | Frankfurt – Lebendige Stadt. Vierteljahreshefte für Kultur, Wirtschaft und Verkehr. Hg. v. Ernst A. Ihle unter Mitwirkung des Verkehrs- und Wirtschaftsamtes der Stadt Ffm. 34 Jahrgänge. Ffm. 1956-90.Humperdinck, Wolfram: Die glücklichen Jahre. Ffter Erinnerungen an meinen Vater, den Hänsel und Gretel-Komponisten. In: FLS 1966, H. 4, S. 12-19. | Hoffmann, Hilmar: Die großen Ffter. Ehrenwürdige Bürger und Ehrenbürger [von Karl dem Großen bis Friedrich von Metzler]. 4., durchges. Aufl. Ffm. 2012.Hoffmann: Die großen Ffter 2012, S. 82-84. | Humperdinck, Wolfram: Engelbert Humperdinck. Das Leben meines Vaters. Ffm. 1965. (Ffter Lebensbilder 17).Humperdinck, Wolfram: Engelbert Humperdinck 1965. | Kienzle, Ulrike: Neue Töne braucht das Land. Die Ffter Mozart-Stiftung im Wandel der Geschichte (1838-2013). Ffm. 2013. („Mäzene, Stifter, Stadtkultur“, Schriftenreihe der Ffter Bürgerstiftung in Zusammenarb. m. der Cronstett- und Hynspergischen ev. Stiftung, hg. v. Clemens Greve, Bd. 10).Kienzle: Mozart-Stiftung 2013, S. 163-178. | Wolters, Dierk: Große Namen in Fft. Wer wo lebte. Ffm. 2009, erw. Neuaufl. 2012.Wolters: Wer wo lebte 2009, S. 70f.; Neuaufl. 2012, S. 98-100.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/878.
Internet: Das Kulturportal der Stadt Ffm., Bereich Musik, Komponistinnen und Komponisten in Ffm., hg. vom Kulturamt der Stadt Ffm. https://kultur-frankfurt.de/portal/de/Musik/Humperdinck2cEngelbert1854-1921/2434/0/74242/mod1981-details1/5.aspxKomponistinnen u. Komponisten in Ffm., 20.5.2021.

GND: 11855476X (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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Die hier genannten Verweise wurden mit Hilfe des frei verfügbaren Datendienstes http://beacon.findbuch.de (Thomas Berger) erstellt.


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Empfohlene Zitierweise: Hansert, Andreas: Humperdinck, Engelbert. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/2804

Stand des Artikels: 30.9.1994