Schreker, Franz

John Gläser, Franz Schreker und Erik Wirl

Franz Schreker (Mitte) während eines Aufenthalts in Ffm. 1920
Der Komponist wird flankiert von den Sängern John Gläser (li.) und Erik Wirl (re.), die in der damaligen Uraufführung von „Der Schatzgräber“ am Ffter Opernhaus mitwirkten.
Fotografie (1920; aus der Sammlung Manskopf im Besitz der UB Ffm.).

© Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Ffm. (Sign. S36_F11782, URN: urn:nbn:de:hebis:30:2-168237).
Schreker, Franz August Julius. Eigentl. Nachname: Schrecker. Komponist. * 23.3.1878 Monaco, † 21.3.1934 Berlin.
Sohn des K. k. Hofphotographen Ignácz Ferencz (eigentl.: Isak) Schrecker (1834-1888) und dessen Ehefrau Eleonore, geb. von Cloßmann (1854-1919). Der Vater war bei der Heirat 1876 vom jüdischen zum reformierten Glauben übergetreten.
Sch. besuchte die Realschule und das Konservatorium in Wien. Dort war er Kompositionsschüler von Robert Fuchs, bei dem auch Hugo Wolf, Gustav Mahler und Alexander (von) Zemlinsky Unterricht erhielten. 1906/07 wirkte er als Chordirektor und Kapellmeister an der Wiener Volksoper. 1907 gründete er den Philharmonischen Chor Wien, den er bis 1920 leitete; Höhepunkt war die Uraufführung von Schönbergs „Gurreliedern“ (1913). Seit 1912 lehrte Sch. Komposition an der Akademie für Tonkunst in Wien, wo zu seinen Schülern auch Ernst Krenek gehörte (1916-20). Mit Arnold Schönberg verband ihn eine freundschaftliche Beziehung. 1920 wurde Sch. zum Direktor der Musikhochschule in Berlin berufen, 1923 zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste (Ausschluss 1933). Auf Druck einer Gruppe konservativer und nationalsozialistischer Professoren wurde er genötigt, als Direktor der Berliner Musikhochschule zum 1.7.1932 zurückzutreten; daraufhin übernahm er die Leitung einer Meisterklasse für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste. Die Uraufführung von Sch.s letzter Oper „Der Schmied von Gent“ an der Städtischen Oper in Berlin am 29.10.1932 wurde von nationalsozialistischen Demonstranten gestört. Emigrationsabsichten in die USA scheiterten an den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Im Zuge der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ ab 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste entlassen (Beurlaubung im Mai 1933, Zwangspensionierung im Januar 1934), erlitt Sch. im Dezember 1933 einen schweren Schlaganfall und starb wenig später an einem Herzinfarkt.
Die Ffter Oper, die damals sehr experimentfreudig war, hat zum Erfolg Sch.s wesentlich beigetragen: Vier seiner neun Opern wurden in Ffm. uraufgeführt, alle unter der musikalischen Leitung von Ludwig Rottenberg und der Regie von Christian Krähmer. „Der ferne Klang“ (UA: Ffm., 18.8.1912) „wurde zu einem Triumph und stellte Sch. in eine Reihe mit den führenden Opernkomponisten seiner Zeit“ (Ulrike Kienzle in: NDB). „Über Nacht avancierte Sch. zu einem der meistbeachteten Opernkomponisten der Gegenwart.“ (Dies. in: MGG.) „Das Spielwerk und die Prinzessin“ (UA: Ffm. und Wien, 15.3.1913) erregte in Wien einen Opernskandal, hatte in Ffm. nur einen „freundlichen Achtungserfolg“ (ebd.). Nach „Die Gezeichneten“ (UA: Ffm., 25.4.1918) wurde „Der Schatzgräber“ (UA: Ffm., 21.1.1920) zum Sensationserfolg (mit 385 Aufführungen an 50 Häusern in den folgenden zwölf Jahren). Diese Oper wurde vom Komponisten „Der Stadt Frankfurt am Main und ihrem Opernhaus in Dankbarkeit zugeignet“. In dem Widmungsschreiben von Sch. an den Ffter Oberbürgermeister Georg Voigt heißt es: „Der an Sie schreibt, ist seit dem 18. August 1912, an welchem Tage die Uraufführung seiner Oper ‚Der ferne Klang’ im Opernhause stattfand, ein Kind, ein Schützling Ihrer Stadt, Frankfurts, geworden. Ein Hort des Glaubens an mich selbst, die Wiege meiner weiteren Entwicklung als Künstler ist mir, dem ferne Lebenden, Frankfurt die eigentliche wahre künstlerische Heimat geworden.“ (Wien, 24.5.1919; in: ISG, MA U 504, Bd. 2, Nr. 104). Zur Zeit der Uraufführung des „Schatzgräbers“ 1920 stellte der aus diesem Anlass in Ffm. anwesende Dichterkomponist das Libretto zu seiner neuen Oper „Irrelohe“ in einer Lesung erstmals öffentlich vor; diese Oper erlebte knapp zwei Wochen nach der Kölner Uraufführung ihre Ffter Erstaufführung am 10.4.1924 (unter der musikalischen Leitung von Ludwig Rottenberg und der Regie von Lothar Wallerstein). Schon früh hatten der Komponist und sein Werk besondere Förderung durch Paul Bekker, den Musikkritiker der FZ, erfahren.
Das Werk Sch.s markiert den Übergang von der Spätromantik zur Moderne; es war stark beeinflusst vom Wiener Jugendstil: „Üppiger Prunk (…) verband sich mit sinnlicher Süße“ [Theodor W. Adorno; zit. nach: ders.: Gesammelte Schriften 16 (4. Aufl. 2017), S. 369]. Adorno rühmte den „Glanz seiner [d. i. Sch.s] Orchesterpalette“, kritisierte jedoch „Mangel an Strenge und vergeistigender Kraft“ sowie die „Geschmacklosigkeiten seiner Texte“ (zit. nach: ebd., S. 369f.). Sch. hielt an der Tonalität fest, verknüpfte psychologisches Musiktheater mit märchenhaften oder historischen Stoffen. Seit der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre wurde der „subjektive Expressionismus“ in seinem Werk allmählich von Neuer Sachlichkeit und Neoklassizismus verdrängt.
In den 1920er Jahren wurde Sch. neben Richard Strauss als einer der bedeutendsten Opernkomponisten Deutschlands seit Richard Wagner angesehen. Der Verfemung Sch.s durch die Nationalsozialisten – er galt nach der Terminologie der Nürnberger Gesetze als „Halbjude“ und wurde wegen der „Dekadenz“ seiner Werke schon lange vorher von nationalistischer Seite angegriffen – folgte die Geringschätzung durch die tonangebende Darmstädter Avantgarde. Erst seit Ende der 1970er Jahre setzte u. a. mit einer vielbeachteten Neuinszenierung der „Gezeichneten“ in Ffm. (1979, unter der musikalischen Leitung von Michael Gielen und der Regie von Hans Neuenfels) – zunächst sehr zögerlich – eine Sch.-Renaissance ein, die bis heute anhält und auch weitere Wiederaufführungen in Ffm. brachte. Heute gilt Sch. neben Richard Strauss als der führende deutschsprachige Musikdramatiker seiner Zeit und zusammen mit Alexander (von) Zemlinsky, Arnold Schönberg und Erich Wolfgang Korngold als wichtiger Repräsentant der Wiener Moderne (vgl. Ulrike Kienzle in: MGG).
Ein Großteil des Nachlasses von Sch. befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.
Die 1986 von Christopher Hailey gegründete „Franz Schreker Foundation“ fördert die Erforschung von Sch.s Leben und Werk und bereitet Neuausgaben seiner Werke vor.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Roman Fischer.

Lexika: Spiess, Volker (Hg.): Berliner Biographisches Lexikon. 2., überarb. u. erw. Aufl. Berlin 2003.Thomas Wieke in: Berliner Biogr. Lex., S. 389. | Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Unter Mitarb. zahlreicher Musikforscher (...) hg. v. Friedrich Blume. 17 Bde. Kassel/Basel 1949-86. Neuausgabe (2., völlig überarb. Aufl.): Hg. v. Ludwig Finscher. 10 Bde. (Sachteil), 18 Bde. (Personenteil) und ein Supplementband. Kassel/Stuttgart 1994-2008.Ulrike Kienzle in: MGG, 2. Aufl., Personenteil 15 (2006), Sp. 33-42; dort auch ausführliche Literaturangaben. | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Ulrike Kienzle in: NDB 23 (2007), S. 540-542. | Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 (ÖBL). Hg. v. d. Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 13 Bde. (bis Stulli) u. einzelne Lieferungen für Bd. 14 (bis Tuma). Wien 1957-2010/15.Th. Antonicek in: ÖBL 11 (1999), S. 214f. | Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 2 Bde. Berlin 1930/31.Reichshdb. 1930/31, S. 1707.
Literatur:
                        
Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann. 20 Bde. Ffm. 2003.Adorno, Theodor W.: Franz Schreker. In: Adorno: Gesammelte Schriften 2003, Bd. 16 (4. Aufl. 2017), S. 368-381. | Bekker, Paul: Klang und Eros. 2. Band der Gesammelten Schriften[, u. a. mit Kritiken von Opern- und Theateraufführungen in Ffm.]. Stuttgart/Berlin 1922.Bekker, Paul: Franz Schreker. In: Bekker: Klang u. Eros 1922, S. 19-53. | Haas, Michael/Hailey, Christopher (Hg.): Franz Schreker. Grenzgänge – Grenzklänge. Katalog zur Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien. Wien 2004.Haas/Hailey (Hg.): Franz Schreker. Grenzgänge – Grenzklänge 2004. | Hailey, Christopher: Franz Schreker 1878-1934. A Cultural Biography. Cambridge 1993; darin auch ein Werkverzeichnis. Deutsche Ausgabe: Franz Schreker (1878-1934). Eine kulturhistorische Biographie. Wien/Köln/Weimar 2018.Hailey: Franz Schreker 1993, dt. 2018. | Heym, Heinrich (Hg.): Fft. und sein Theater. Im Auftrage der Städtischen Bühnen hg. (...). Ffm. 1963. Bibliotheksausgabe mit Nachwort und Register. Ffm. 1971.Heym (Hg.): Theater 1963. S. 23, 46f. | Kienzle, Ulrike: Das Trauma hinter dem Traum. Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“ und die Wiener Moderne. Schliengen 1997.Kienzle: Das Trauma hinter dem Traum 1997. | Mohr, Albert Richard: Die Ffter Oper 1924-1944. Ein Beitrag zur Theatergeschichte mit zeitgenössischen Berichten und Bildern. Ffm. 1971.Mohr: Oper 1971, S. 10, 15, 17, 28. | Mohr, Albert Richard: Das Ffter Opernhaus 1880-1980. Ein Beitrag zur Ffter Theatergeschichte. Ffm. [Copyright 1980].Mohr: Opernhaus 1980, S. 158f., 168-170, 186f., 196f., 215f. | Neuwirth, Gösta: Franz Schreker. Wien 1959.Neuwirth: Franz Schreker 1959. | Städtische Bühnen Ffm. GmbH (Hg.): Ein Haus für das Theater. 50 Jahre Städtische Bühnen Ffm. 1963-2013. Leipzig 2013.Städt. Bühnen Ffm. (Hg.): Ein Haus für das Theater 2013, S. 60f., 290.
Quellen: ISG, Magistratsakten, 1868-1969.ISG, MA U 504, Bd. 2 (Aufführung der Oper „Der Schatzgräber“, 1920); darin: Brief von Franz Schreker an OB Georg Voigt mit Widmung (Nr. 104), zahlreiche Zeitungskritiken. | ISG, Magistratsakten, 1868-1969.ISG, MA S 1.549 (Glückwunsch zur Ernennung zum Direktor der Hochschule für Musik in Berlin, 1920). | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/4.416.
Internet: Internetseiten der Franz Schreker Foundation, Direktor: Christopher Hailey, Pennington (USA). http://www.schreker.org/neu/biograph/chrono/chrono.html
Hinweis: Chronologie zur Biographie von Franz Schreker.
Franz Schreker Foundation, 4.4.2019.
| Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM), ein Projekt der Universität Hamburg (Musikwissenschaftliches Institut), hg. v. Claudia Maurer Zenck u. Peter Petersen unter Mitarb. v. Sophie Fetthauer, ab 2005. https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002658Lex. verfolgter Musiker u. Musikerinnen d. NS-Zeit, 4.4.2019. | Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_SchrekerWikipedia, 4.4.2019.

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Empfohlene Zitierweise: Fischer, Roman: Schreker, Franz. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/5336

Stand des Artikels: 5.4.2019
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 04.2019.