Merton, Familie

Eigentl. Nachname: Moses.
Metallindustrielle und Stifter.
Die Familie lässt sich unter dem Namen Moses als zur Führungsschicht der Londoner jüdischen Gemeinde zählend bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. 1834 wanderte Raphael Lyon Moses (1817-1883) nach Ffm. aus. Er absolvierte seine Lehrzeit in der Bank und Metallhandelsagentur von Philipp Abraham Cohen (1790-1856), der durch Heirat mit der Ffter Bankiersfamilie Wertheimber verbunden war. Raphael Moses heiratete 1837 Sara Amelie Cohen (1818-1853), erhielt 1855 das Ffter Bürgerrecht und führte ab 1856 auf Wunsch seines Schwiegervaters das Unternehmen weiter. Im selben Jahr gestattete ihm der Ffter Rat, den Namen Ralph Merton anzunehmen, was die Assimilierung der Familie bekräftigte; zuvor hatte ein in London lebender Bruder diesen Familiennamen angenommen, der auf die Herkunft der Familie aus der heute zu London gehörenden Bezirk „Borough of Merton“ zurückgeht. Ralph M.s Nachkommen, besonders Wilhelm M. und dessen Sohn Richard M., führten die 1881 in die „Metallgesellschaft AG“ (MG) umgegründete Metallhandlung zum international operierenden Konzern empor und unternahmen zahlreiche Erweiterungsgründungen.
Die M. beeinflussten darüber hinaus als Wohltäter das Ffter soziale wissenschaftliche und künstlerische Leben. Ffm. verdankt ihren Initiativen seinen frühen Ruf als Stadt bedeutender sozialer Einrichtungen und seine Stellung im internationalen Metallhandel.
M.viertel mit M.passage in Heddernheim. M.passage auf dem früheren Areal der Metallgesellschaft hinter der Alten Oper.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 40, verfasst von: Tobias Picard.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.

Lexika: Heine, Jens Ulrich: Verstand und Schicksal. Die Männer der I. G. Farbenindustrie A. G. (1925-1945) in 161 Kurzbiographien. Weinheim/New York/Basel/Cambridge 1990.Über Alfred Merton (1878-1954): Heine: IG Farben, S. 219-221.
Literatur:
                        
Wörner, Birgit: Ffter Bankiers, Kaufleute und Industrielle. Werte, Lebensstil und Lebenspraxis 1870 bis 1930. Wiesbaden/Ffm. [2011]. („Mäzene, Stifter, Stadtkultur“, Schriften der Ffter Bürgerstiftung und der Ernst Max von Grunelius-Stiftung, hg. v. Clemens Greve, Bd. 9).Wörner: Ffter Bankiers, Kaufleute u. Industrielle 2011.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/933.

GND: 124209122 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).
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2 herausragende Vertreter der Familie in Ffm.

Merton, Richard

Ehrenbürger der Stadt Ffm.
Merton, Richard Albert Eugen. Dr. rer. pol. h. c. Metallindustrieller. Stifter. * 1.12.1881 Ffm., † 6.1.1960 Ffm.
Sohn von Wilhelm M. und dessen Ehefrau Henriette Caroline Emma, geb. Ladenburg (1859-1939).
Jura- und Kameralistikstudium. 1902 Eintritt in die Berg- und Metallbank. Aufenthalte in den ausländischen Zweigbetrieben des Konzerns. Von 1907 bis 1911 Mitglied im Aufsichtsrat und im Vorstand der Metallgesellschaft (MG), 1913 Aufsichtsratsmitglied von MG und Metallurgischer Gesellschaft, 1917 Aufsichtsratsvorsitzender von MG und Metallbank. Im Ersten Weltkrieg Frontoffizier und Adjutant in Militärverwaltungsstellen. Befürwortete in Denkschriften die staatliche Ernährungszwangswirtschaft, die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und die Reduzierung der unternehmerischen Kriegsgewinne. 1919 Mitglied der deutschen Friedensdelegation in Versailles. Publikationen zur Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Danach Rückzug aus der Reichspolitik. In seiner ausgedehnten internationalen Korrespondenz wies M. auf die Folgen des Versailler Vertrags für die wirtschaftliche Lage Deutschlands hin. Neuaufbau der MG zusammen mit dem Bruder Alfred M. (1878-1954), dem schon im Kriege die Hauptlast der Unternehmensleitung zugefallen war: Kompensation des Verlusts der ausländischen Niederlassungen durch verstärkte Tätigkeit im Inland. Vereinigung von MG, Metallbank und Metallurgischer Gesellschaft zur Metallgesellschaft (1928, Vorstandsvorsitzender), Vorstoß in die Metallverarbeitung durch Gewinnung der Mehrheitsanteile an den „Vereinigten Metallwerken“ mit Sitz in Ffm., die 1930 u. a. aus den zur MG gehörenden Heddernheimer Kupferwerken entstanden.
M. führte die sozialen und kulturellen Schöpfungen seines Vaters Wilhelm M. in vermindertem Umfang weiter. Über die „Centrale für private Fürsorge“ unterstützte er Opfer der Inflation und der Weltwirtschaftskrise und förderte einzelne künstlerische und wissenschaftliche Projekte. Seit 1914 Mitglied im Kuratorium der Ffter Universität. Mit einer Millionenspende löste M. die Verpflichtung des Instituts für Gemeinwohl (IfG) zur Subventionierung der Hochschule ab. Für seine reduzierten Mittelzuweisungen machte er später die „sehr sozialistische“ Einstellung der Stadtverwaltung, die der sozialen Tätigkeit im Stil seines Vaters den Boden entzogen habe, verantwortlich. Als Stadtverordneter (DVP) trat M. von 1928 bis 1933 gegen die Ausweitung städtischer Gesellschaften und das „System Landmann“ ein. Von November 1932 bis März 1933 Reichstagsabgeordneter (DVP).
Nach 1936 wurde M. aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus allen Funktionen, auch in der MG, verdrängt. 1938 dreiwöchige Internierung im KZ Buchenwald. Vermögenskonfiskation. 1939 Flucht nach England. Dort publizistisches Eintreten für Deutschland und seine Entwicklungsmöglichkeiten nach dem Krieg.
1947 Rückkehr nach Ffm. und Wiedereintritt in seinen früheren Wirkungskreis. Zuvor von der britischen Besatzung als Wirtschaftsminister einer deutschen Regierung vorgesehen, was er abgelehnt hatte. 1948 Aufsichtsratsmitglied der MG (Vorsitzender 1950-55) und anderer Großbetriebe. Als Mitglied zahlreicher wirtschaftspolitischer Organisationen setzte er sich für neue Formen internationaler Zusammenarbeit ein. Von 1948 bis 1955 Präsident der deutschen Gruppe der internationalen Handelskammer. Auf M.s Anregung wurde 1949 der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft gegründet (Vorsitzender 1949-53, danach Ehrenvorsitzender). Wie nach dem Ersten Weltkrieg, führte M. den Konzern durch Erschließung neuer Aufgaben zu Weltgeltung zurück, besonders durch den Industrieanlagenbau der Metallurgischen Gesellschaft, für die im Ffter Nordosten ein großes Versuchsgelände eingerichtet wurde. M. engagierte sich in der 1952 gegründeten Ffter Gesellschaft für Sozialpolitik, und auch das IfG nahm unter seiner Leitung die Arbeit wieder auf. 1956 stiftete er einen Lehrstuhl für Sozialpolitik an der Ffter Universität. M. galt als Mann von universaler Bildung mit großem Interesse an Wirtschaftspolitik, aber auch mit Bewusstsein für die Verantwortung des Unternehmers gegenüber der Gesellschaft. Wie sein Vater übte er Zurückhaltung und trat nur selten in der Öffentlichkeit hervor.
Verfasser von „Erinnerungen aus meinem Leben, das über das Persönliche hinausgeht“ (Autobiographie, 1955).
Die Stadt Ffm. verlieh M. 1951 die Goetheplakette und 1956 die Ehrenbürgerwürde. Er war seit 1924 Ehrenbürger und seit 1951 Ehrensenator der Ffter Universität.
Die „Villa M.“, Am Leonhardsbrunn 12-14 (Architekt: Anton Eyssen, 1927), konnte M. selbst nur bis zu seiner Verhaftung 1938 bewohnen. Dann bemächtigte sich die Gestapo des Hauses, und seit 1945 nutzte die US-Armee das im Zweiten Weltkrieg teilzerstörte Gebäude zunächst als Offiziersheim, dann für den American Press Club. 1953 verkaufte M. die Villa mit der Maßgabe, sie zu einem Ort der Völkerverständigung zu machen, an die Stadt Ffm. Seit 1956 residiert dort der Union International Club, der die inzwischen sanierte und denkmalgeschützte Villa – ganz im Sinne M.s – als Stätte der Begegnung etabliert hat und pflegt.

Lexika: Bermejo, Michael: Die Opfer der Diktatur. Ffter Stadtverordnete und Magistratsmitglieder als Verfolgte des NS-Staates. Ffm. [Copyright 2006]. (Geschichte der Ffter Stadtverordnetenversammlung, Bd. III; Veröffentlichungen der Ffter Historischen Kommission XXIII).Bermejo: Ffter Stadtverordnete u. Magistratsmitglieder als Verfolgte d. NS-Staates 2006, S. 252-262. | Heine, Jens Ulrich: Verstand und Schicksal. Die Männer der I. G. Farbenindustrie A. G. (1925-1945) in 161 Kurzbiographien. Weinheim/New York/Basel/Cambridge 1990.Heine: IG Farben, S. 275-278. | Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Ursula Ratz in: NDB 17 (1994), S. 187f. | Schumacher, Martin (Hg.): M. d. R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933-1945. Eine biographische Dokumentation. Düsseldorf 1991. 3., erw. Aufl. Düsseldorf 1994.Schumacher: MdR 1994, Nr. 885.
Literatur:
                        
Achinger, Hans: Richard Merton. Ffm. 1970.Achinger: Richard Merton 1970. | Archiv für Fft.s Geschichte und Kunst. Bisher 73 Bde. Ffm. 1839-2012.Oliver M. Piecha in: AFGK 75 (2016): Akteure des Neuen Fft., S. 151. | Fleckner, Uwe/Hollein, Max (Hg.): Museum im Widerspruch. Das Städel und der Nationalsozialismus. Berlin 2011. (Schriften der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ 6).Kurzbiographie in: Fleckner/Hollein (Hg.): Museum im Widerspruch 2011, S. 353; vgl. auch S. 171-173 u. ö. | Hoffmann, Hilmar: Die großen Ffter. Ehrenwürdige Bürger und Ehrenbürger [von Karl dem Großen bis Friedrich von Metzler]. 4., durchges. Aufl. Ffm. 2012.Hoffmann: Die großen Ffter 2012, S. 154f. | Reichel, Clemens: Vom Verbund zum Konzern. Die Metallgesellschaft AG 1945-1975. Darmstadt 2008. (Schriften zur hessischen Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte 8).Reichel: Vom Verbund zum Konzern 2008. | Schembs, Hans-Otto: Jüdische Mäzene und Stifter in Ffm. Hg. v. d. Moses Jachiel Kirchheim’schen Stiftung. Mit einer Einführung von Hilmar Hoffmann. Ffm. [Copyright 2007].Schembs: Jüd. Mäzene u. Stifter 2007, S. 96f. | Stemmler, Gunter: Die Vermessung der Ehre. Zur Geschichte der Ehrenbürger, Ehrensenatoren sowie Ehrenmitglieder an deutschen Hochschulen und an der Universität Ffm. Ffm. [u. a.] 2012.Stemmler: Ehrenbürger u. Ehrensenatoren an der Univ. Ffm. 2012, S. 159 u. 164.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/3.039. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/933 (Familie Merton).

Merton, Wilhelm

Mitbegründer der Metallgesellschaft AG.
Merton, Wilhelm. Eigentl. Name (bis 1856): William Moses; dann (bis 1899): William Merton. Dr. phil. h. c. Dr.-Ing. E. h. Metallindustrieller. Sozialreformer. Stifter. * 14.5.1848 Ffm., † 15.12.1916 Berlin.
Achtes von neun Kindern des 1834 von England nach Ffm. eingewanderten Raphael Lyon Moses (seit 1856: Ralph M., 1817-1883) und dessen Ehefrau Sara Amelie, geb. Cohen (1818-1853). Vater von Richard M.
Nach der Schulzeit am Ffter städtischen Gymnasium, dem Besuch akademischer Vorlesungen in München und einem kurzen Volontariat bei der Deutschen Bank in Berlin sammelte M. berufliche Erfahrungen in der väterlichen Metallhandlung und im Londoner Handelshaus des Bruders Henry M. Erstmals zeigte er seine unternehmerische Begabung bei der Reorganisation der Ffter Firma nach dem „Bankenkrach“ 1872/73. Im Jahr 1876 Teilhaberschaft und endgültige Niederlassung in Ffm. 1877 Heirat mit Henriette Caroline Emma Ladenburg (1859-1939), Tochter des Ffter Bankiers Emil Ladenburg (1822-1902). Wohnung in der Guiollettstraße 24 (ab 1886).
1881 Gründung der Metallgesellschaft AG (MG) durch M., Zachary Hochschild (1854-1912) und Leo Ellinger (1852-1916), wobei die MG mit Geschäften, Organisation und Guthaben der in ihr aufgehenden Cohen-M.’schen Handlung ausgestattet wurde. Durch die in seiner Person konzentrierte Unternehmensleitung brachte M. die Firma in kurzer Zeit zu einem auf dem Metallmarkt führenden Konzern empor, der nach und nach Handel, Hüttenindustrie, Bergbau und Metallverarbeitung sowie technische Innovationen auf diesen Gebieten umfasste. Unter M. trieb die MG die Erschließung überseeischer Erzvorräte voran und reagierte auf die zunehmende Nachfrage nach Nichteisenmetallen durch die Elektroindustrie. Zur Verwertung der Erzvorräte kam es zur Errichtung eines Netzes von Handelsvertretungen und Kapitalbeteiligungen sowie zu Neugründungen von Verwertungsgesellschaften in Nordamerika, Mexiko, Australien und Frankreich. Dem überseeischen Einkauf stellte M. Beteiligungen an metallverarbeitenden Unternehmen sowie langfristige Absatzverträge im Inland an die Seite. M. setzte wissenschaftliche Methoden zur Entwicklung technischer Verfahren sowie effektiverer Arbeits- und Organisationsformen ein. Deren Ergebnisse sowie Markt- und Konjunkturanalysen ließ er seinen Geschäftspartnern in der Zeitschrift „Metallstatistik“ zukommen. Während in der MG das Handelsgeschäft konzentriert war, wurden Bergbau, Erzverhüttung, Metallraffination, der Bau industrieller Anlagen sowie Entwicklung und Vertrieb technischer Neuerungen unter Gründung der „Metallurgischen Gesellschaft AG“ (1897) ausgegliedert. M. fungierte als Aufsichtsratsvorsitzender und Generaldirektor der Neugründung. Zur separaten Abwicklung von Finanzgeschäften und als Finanzierungsinstrumente des Gesamtkonzerns wurden 1906 die „Berg- und Metallbank AG“ (1910 Fusion mit der Metallurgischen Gesellschaft) und 1910 die „Schweizerische Gesellschaft für Metallwerte“ gegründet. In der Hand dieser Gesellschaft lag auch die einheitliche Leitung aller Konzerngesellschaften M.s, die organisatorisch den gesamten Erdkreis umfassten. Durch häufiges Anfordern von Tätigkeitsberichten bzw. Ausgeben von Memoranda suchte M. weiterhin „als unbestritten letzte Autorität“ die Geschäfte selbst zu leiten.
Zu den bleibenden Verdiensten M.s gehören noch mehr seine zahlreichen sozialreformerischen Initiativen. Er stellte dafür den überwiegenden Teil seiner unternehmerischen Einkünfte bereit und engagierte sich in den Aufsichtsgremien. M. setzte hier die Traditionen des Ffter Stiftungswesens fort und trat für sozialen Fortschritt abseits des Parteienbetriebs ein. Den organisatorischen Rahmen und die finanzielle Basis des von ihm ins Werk gesetzten Netzes sozialer Hilfs- und Forschungseinrichtungen bildete das bis heute bestehende Institut für Gemeinwohl (IfG, Namensgebung 1892). Das IfG entstand ab 1890 aus einem Büro zur Nachprüfung von Bittschriften und wurde 1896 in eine GmbH überführt. M. wollte mit dieser Gründung die Regellosigkeit der privaten Wohlfahrtspflege durch die Etablierung eines neben den Gewerk- und Genossenschaften bestehenden dauerhaften Systems sozialer Selbstverwaltung überwinden; es sollte von volkswirtschaftlich und sozialpolitisch geschulten und sich in der Praxis weiterbildenden „Berufsbeamten“ geleitet werden sowie Tochtergründungen in Gestalt weiterer dem Gemeinwohl dienender Einrichtungen in die Wege leiten. Diese wegweisende Haltung führte M. an die Seite der zeitgenössischen Sozialreformer und ließ ihn seine sozialen Unternehmungen nach dem Muster seiner geschäftlichen Betriebe organisieren. Das IfG entwickelte sich zu einer weltanschaulich ungebundenen Forschungsstätte über Ursachen und Verhütung sozialer Missstände, leistete individuelle Hilfen und wirkte weit über Ffm. hinaus. M. besaß den Hauptanteil aller Stammeinlagen des mit 500.000 Reichsmark ausgestatteten IfG. Später streute er, um dem IfG Dauerhaftigkeit zu verleihen, kleinere Beteiligungen unter seinen Geschäftsfreunden aus und bezog auch die Stadt Ffm. ein, die schließlich 30 Prozent der Anteile hielt.
Die Reihe der vom IfG materiell ermöglichten Projekte eröffnete 1891 die Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen AG, die in Ffm. Kantinen und Volksküchen betrieb. Es folgten die Auskunftstelle für Arbeiterangelegenheiten 1895, der Verein zur Förderung des Arbeiterwohnungswesens 1899 (unter Mitwirkung der Ffter Wohnungsbaugesellschaften), die „Centrale für private Fürsorge“ im gleichen Jahr sowie das Soziale Museum 1902. Kritik an der mangelnden Vertrautheit vieler alter Ffter Stiftungen mit dem Gegenstand ihrer Unternehmungen hatte M. bereits 1892 im Vorwort einer Publikation des IfG über Fürsorge in Ffm. formuliert. Wissenschaftliche Untersuchungen im engeren Sinne leisteten die Zentrale für Bergwesen (1902) sowie die Institute für Arbeitsphysiologie (1913) und Gewerbehygiene (1908). M. wirkte ferner mit an der Bildung der Gesellschaft für Soziale Reform (GfSR) in Berlin. Ein ebenfalls in Berlin errichtetes „Büro für Sozialpolitik“ (1904) vertrat die Interessen von GfSR und IfG. Es verband M.s soziale Unternehmungen in Ffm. mit den Berliner Sozialreformverbänden und war eine der wenigen Kontaktstellen zwischen bürgerlichen Sozialreformern sowie christlichen und sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen.
Die sich zu einem Sozialkonzern zusammenfügenden Unternehmungen M.s waren in ihrer Breite ohne Parallele in der Geschichte der Privatwohltätigkeit und waren der öffentlichen Fürsorge zunächst überlegen. Während M. anfangs die Auffassung vertrat, dass auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege wesentlich weniger von einem Staats- und Gemeindesozialismus als von der freien Tätigkeit wohlhabender Individuen zu erwarten sei, kamen er und seine Mitarbeiter unter dem Eindruck sozialpolitischer Beschlüsse des Reichstags (z. B. Angestelltenversicherung 1911) zu der von den mit ihnen verbundenen Sozialreformern vertretenen Ansicht, dass die private Wohlfahrt die öffentliche Fürsorge ergänzen und vorwegnehmen solle, da sie neue Hilfsbereiche flexibler erschließen könne. M. setzte sich zwar nicht dezidiert für politische Rechte der wirtschaftlich Abhängigen ein, doch seine sozialen Reformvorstellungen, die über die patriarchalische Betriebsverfassung hinausgingen und auch die Fixierung „konstitutioneller Garantien“ umfassten (Schutz der Arbeitskraft, Tarifverträge, Schlichtungsinstanzen), fanden sich schließlich in den sozialen Errungenschaften der Weimarer Republik wieder. M., der in seinen Unternehmungen gerne „radikal gesinnte, aber fleißige“ junge Akademiker förderte, beteiligte sich auch an der Gründung besonderer Aus- und Weiterbildungseinrichtungen. Er misstraute der auf den herkömmlichen Universitäten einseitig juristisch geprägten Führungsschicht und entwickelte ein neuartiges Bildungsideal: Betriebsdirektoren und leitende Angestellte sollten mit sozialen Ideen und Tatsachen, besonders den Lebensverhältnissen der Arbeiter, bekannt gemacht werden, während künftige Verwaltungsbeamte wirtschaftliche Tatsachen und Wirklichkeitssinn lernen sollten. Über das Medium des IfG inaugurierte M. die Gesellschaft für wirtschaftliche Ausbildung (1902) und wirkte maßgeblich bei der Einrichtung der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften 1901 mit. Seine Vorbehalte gegen deren Erweiterung zur Universität – M. befürchtete eine Minderung seines Bildungsideals und konzeptionellen Einflusses – gab er schließlich auf. Sein Werbefeldzug für die Hochschule, um den ihn Oberbürgermeister Adickes immer wieder gebeten hatte, und der Einsatz eigener Mittel (2,3 Millionen Reichsmark) führten zum Zustandekommen des erforderlichen Stiftungsbetrags. M. setzte sich für das Fortleben der Akademie als Handelshochschule innerhalb einer in der deutschen Universitätsgeschichte neuartigen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein. Zum Gedenken an seinen gefallenen Sohn, den Kunsthistoriker Adolf M. (1886-1914), stiftete M. noch im gleichen Jahr einen Lehrstuhl für Pädagogik.
Vertraute und Mitarbeiter rühmten seinen unfeierlichen und menschenfreundlichen Bürgersinn, den Weitblick in Wirtschafts- und sozialen Fragen sowie seinen „Idealismus der Tat“. Sie beschrieben ihn als geheimnisvolle Persönlichkeit, die außerhalb der Familie wenig von sich mitteilte, als Talentsucher mit wohlwollend-tyrannischem Einschlag, der sich „junge Doktoren halte wie andere Rennpferde“, aber auch als Gentleman Londoner Prägung, der in ausgeprägter Korrespondenz und Gastlichkeit seine Projekte vorantrieb. Bewunderung wie Kritik fand seine Distanz zu öffentlicher Betätigung und Parteiinteressen, die ihn unauffällig liberale wie sozialdemokratische (z. B. Max Quarck in Ffm.) Initiativen finanzieren ließ und durch Diskretion seine Handlungsfreiheit bewahren sollte. Im Ersten Weltkrieg geriet M. durch die Einbindung seiner Unternehmungen in Kriegswirtschaft und -wohlfahrtspflege zunehmend in politisches Fahrwasser. Er sprach sich gegen Kriegsgewinne aus und trat für ständige Gespräche von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unter Einbeziehung von Führern der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie ein. Darüber hinaus beteiligte er sich an politischen Klubs im häufig aufgesuchten Berlin, wo M. 1916 inmitten weitreichender Pläne für neue Initiativen starb.
M.viertel mit M.passage in Heddernheim; dort (in der Passage) Porträtbüste (von Edwin Hüller, 2001). M.straße in Bockenheim. Von 1917 bis 1928 M.-Realschule. Wilhelm-M.-Schule, eine berufliche Schule für Wirtschaft, Verwaltung, Hauswirtschaft, Ernährung und Gastronomie (bis 1986: Kaufmännische Berufsschule 7), in Bornheim. Wilhelm-M.-Zentrum für Europäische Integration und Wirtschaftsordnung (seit 2005) an der Ffter Universität. Wilhelm-M.-Preis für europäische Übersetzungen, seit 2001 alle drei Jahre verliehen von der Gontard & MetallBank-Stiftung in Ffm.

Lexika: Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bisher 26 Bde. (bis Vocke). Berlin 1953-2016.Ursula Ratz in: NDB 17 (1994), S. 185f. | Schiebler, Gerhard: Jüdische Stiftungen in Ffm. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger (...). Hg. v. Arno Lustiger im Auftrag der M. J. Kirchheim’schen Stiftung in Ffm. Ffm. 1988, Nachdr. Sigmaringen 1994.Siegbert Wolf in: Schiebler, S. 355-360. | Schiebler, Gerhard: Jüdische Stiftungen in Ffm. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger (...). Hg. v. Arno Lustiger im Auftrag der M. J. Kirchheim’schen Stiftung in Ffm. Ffm. 1988, Nachdr. Sigmaringen 1994.Achinger, Hans: Die Centrale für private Fürsorge in Wilhelm Mertons Zeit. In: Schiebler, S. 361-366.
Literatur:
                        
Achinger, Hans: Wilhelm Merton in seiner Zeit. Ffm. 1965.Achinger: Wilhelm Merton 1965. | Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 306-309. | Eckhardt, Dieter/Eckhardt, Hanna: Ich bin radical bis auf die Knochen. Meta Quarck-Hammerschlag. Eine Biographie (...). [Ffm. 2016.]Eckhardt/Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag 2016, bes. S. 44f. | Emrich, Willi: Bildnisse Ffter Demokraten. Ffm. 1956.Emrich: Bildnisse Ffter Demokraten 1956, S. 21-23 (m. Abb. auf S. 75). | Gall, Lothar: Franz Adickes. Oberbürgermeister und Universitätsgründer. Ffm. 2013. (Gründer, Gönner und Gelehrte, Biographienreihe der Goethe-Universität Ffm., hg. v. d. Goethe-Universität Ffm., [Bd. 5]).Gall: Franz Adickes 2013. | Hoffmann, Hilmar: Die großen Ffter. Ehrenwürdige Bürger und Ehrenbürger [von Karl dem Großen bis Friedrich von Metzler]. 4., durchges. Aufl. Ffm. 2012.Hoffmann: Die großen Ffter 2012, S. 78f. | Roth, Ralf: Wilhelm Merton. Ein Weltbürger gründet eine Universität. Ffm. 2010. (Gründer, Gönner und Gelehrte, Biographienreihe der Goethe-Universität Ffm., hg. v. d. Goethe-Universität Ffm., [Bd. 1]).Roth: Wilhelm Merton 2010. | Schembs, Hans-Otto: Jüdische Mäzene und Stifter in Ffm. Hg. v. d. Moses Jachiel Kirchheim’schen Stiftung. Mit einer Einführung von Hilmar Hoffmann. Ffm. [Copyright 2007].Schembs: Jüd. Mäzene u. Stifter 2007, S. 95-97. | Seng, Joachim: Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn. Das Freie Deutsche Hochstift – Ffter Goethe-Museum 1881-1960. Göttingen 2009.Seng: Freies Deutsches Hochstift 2009, S. 78f., 83, 86, 88, 98, 146, 175, 195, 199, 210.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/379. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/933 (Familie Merton).

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Empfohlene Zitierweise: Picard, Tobias: Merton, Familie. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/506
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Stand des Artikels: 7.4.1995