Merton, Wilhelm

Mitbegründer der Metallgesellschaft AG.

Merton, Wilhelm. Eigentl. Name (bis 1856): William Moses; dann (bis 1899): William Merton. Dr. phil. h. c. Dr.-Ing. E. h. Metallindustrieller. Sozialreformer. Stifter. * 14.5.1848 Ffm., † 15.12.1916 Berlin.
Achtes von neun Kindern des 1834 von England nach Ffm. eingewanderten Raphael Lyon Moses (seit 1856: Ralph M., 1817-1883) und dessen Ehefrau Sara Amelie, geb. Cohen (1818-1853). Vater von Richard M.
Nach der Schulzeit am Ffter städtischen Gymnasium, dem Besuch akademischer Vorlesungen in München und einem kurzen Volontariat bei der Deutschen Bank in Berlin sammelte M. berufliche Erfahrungen in der väterlichen Metallhandlung und im Londoner Handelshaus des Bruders Henry M. Erstmals zeigte er seine unternehmerische Begabung bei der Reorganisation der Ffter Firma nach dem „Bankenkrach“ 1872/73. Im Jahr 1876 Teilhaberschaft und endgültige Niederlassung in Ffm. 1877 Heirat mit Henriette Caroline Emma Ladenburg (1859-1939), Tochter des Ffter Bankiers Emil Ladenburg (1822-1902). Wohnung in der Guiollettstraße 24 (ab 1886).
1881 Gründung der Metallgesellschaft AG (MG) durch M., Zachary Hochschild (1854-1912) und Leo Ellinger (1852-1916), wobei die MG mit Geschäften, Organisation und Guthaben der in ihr aufgehenden Cohen-M.’schen Handlung ausgestattet wurde. Durch die in seiner Person konzentrierte Unternehmensleitung brachte M. die Firma in kurzer Zeit zu einem auf dem Metallmarkt führenden Konzern empor, der nach und nach Handel, Hüttenindustrie, Bergbau und Metallverarbeitung sowie technische Innovationen auf diesen Gebieten umfasste. Unter M. trieb die MG die Erschließung überseeischer Erzvorräte voran und reagierte auf die zunehmende Nachfrage nach Nichteisenmetallen durch die Elektroindustrie. Zur Verwertung der Erzvorräte kam es zur Errichtung eines Netzes von Handelsvertretungen und Kapitalbeteiligungen sowie zu Neugründungen von Verwertungsgesellschaften in Nordamerika, Mexiko, Australien und Frankreich. Dem überseeischen Einkauf stellte M. Beteiligungen an metallverarbeitenden Unternehmen sowie langfristige Absatzverträge im Inland an die Seite. M. setzte wissenschaftliche Methoden zur Entwicklung technischer Verfahren sowie effektiverer Arbeits- und Organisationsformen ein. Deren Ergebnisse sowie Markt- und Konjunkturanalysen ließ er seinen Geschäftspartnern in der Zeitschrift „Metallstatistik“ zukommen. Während in der MG das Handelsgeschäft konzentriert war, wurden Bergbau, Erzverhüttung, Metallraffination, der Bau industrieller Anlagen sowie Entwicklung und Vertrieb technischer Neuerungen unter Gründung der „Metallurgischen Gesellschaft AG“ (1897) ausgegliedert. M. fungierte als Aufsichtsratsvorsitzender und Generaldirektor der Neugründung. Zur separaten Abwicklung von Finanzgeschäften und als Finanzierungsinstrumente des Gesamtkonzerns wurden 1906 die „Berg- und Metallbank AG“ (1910 Fusion mit der Metallurgischen Gesellschaft) und 1910 die „Schweizerische Gesellschaft für Metallwerte“ gegründet. In der Hand dieser Gesellschaft lag auch die einheitliche Leitung aller Konzerngesellschaften M.s, die organisatorisch den gesamten Erdkreis umfassten. Durch häufiges Anfordern von Tätigkeitsberichten bzw. Ausgeben von Memoranda suchte M. weiterhin „als unbestritten letzte Autorität“ die Geschäfte selbst zu leiten.
Zu den bleibenden Verdiensten M.s gehören noch mehr seine zahlreichen sozialreformerischen Initiativen. Er stellte dafür den überwiegenden Teil seiner unternehmerischen Einkünfte bereit und engagierte sich in den Aufsichtsgremien. M. setzte hier die Traditionen des Ffter Stiftungswesens fort und trat für sozialen Fortschritt abseits des Parteienbetriebs ein. Den organisatorischen Rahmen und die finanzielle Basis des von ihm ins Werk gesetzten Netzes sozialer Hilfs- und Forschungseinrichtungen bildete das bis heute bestehende Institut für Gemeinwohl (IfG, Namensgebung 1892). Das IfG entstand ab 1890 aus einem Büro zur Nachprüfung von Bittschriften und wurde 1896 in eine GmbH überführt. M. wollte mit dieser Gründung die Regellosigkeit der privaten Wohlfahrtspflege durch die Etablierung eines neben den Gewerk- und Genossenschaften bestehenden dauerhaften Systems sozialer Selbstverwaltung überwinden; es sollte von volkswirtschaftlich und sozialpolitisch geschulten und sich in der Praxis weiterbildenden „Berufsbeamten“ geleitet werden sowie Tochtergründungen in Gestalt weiterer dem Gemeinwohl dienender Einrichtungen in die Wege leiten. Diese wegweisende Haltung führte M. an die Seite der zeitgenössischen Sozialreformer und ließ ihn seine sozialen Unternehmungen nach dem Muster seiner geschäftlichen Betriebe organisieren. Das IfG entwickelte sich zu einer weltanschaulich ungebundenen Forschungsstätte über Ursachen und Verhütung sozialer Missstände, leistete individuelle Hilfen und wirkte weit über Ffm. hinaus. M. besaß den Hauptanteil aller Stammeinlagen des mit 500.000 Reichsmark ausgestatteten IfG. Später streute er, um dem IfG Dauerhaftigkeit zu verleihen, kleinere Beteiligungen unter seinen Geschäftsfreunden aus und bezog auch die Stadt Ffm. ein, die schließlich 30 Prozent der Anteile hielt.
Die Reihe der vom IfG materiell ermöglichten Projekte eröffnete 1891 die Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen AG, die in Ffm. Kantinen und Volksküchen betrieb. Es folgten die Auskunftstelle für Arbeiterangelegenheiten 1895, der Verein zur Förderung des Arbeiterwohnungswesens 1899 (unter Mitwirkung der Ffter Wohnungsbaugesellschaften), die „Centrale für private Fürsorge“ im gleichen Jahr sowie das Soziale Museum 1902. Kritik an der mangelnden Vertrautheit vieler alter Ffter Stiftungen mit dem Gegenstand ihrer Unternehmungen hatte M. bereits 1892 im Vorwort einer Publikation des IfG über Fürsorge in Ffm. formuliert. Wissenschaftliche Untersuchungen im engeren Sinne leisteten die Zentrale für Bergwesen (1902) sowie die Institute für Arbeitsphysiologie (1913) und Gewerbehygiene (1908). M. wirkte ferner mit an der Bildung der Gesellschaft für Soziale Reform (GfSR) in Berlin. Ein ebenfalls in Berlin errichtetes „Büro für Sozialpolitik“ (1904) vertrat die Interessen von GfSR und IfG. Es verband M.s soziale Unternehmungen in Ffm. mit den Berliner Sozialreformverbänden und war eine der wenigen Kontaktstellen zwischen bürgerlichen Sozialreformern sowie christlichen und sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen.
Die sich zu einem Sozialkonzern zusammenfügenden Unternehmungen M.s waren in ihrer Breite ohne Parallele in der Geschichte der Privatwohltätigkeit und waren der öffentlichen Fürsorge zunächst überlegen. Während M. anfangs die Auffassung vertrat, dass auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege wesentlich weniger von einem Staats- und Gemeindesozialismus als von der freien Tätigkeit wohlhabender Individuen zu erwarten sei, kamen er und seine Mitarbeiter unter dem Eindruck sozialpolitischer Beschlüsse des Reichstags (z. B. Angestelltenversicherung 1911) zu der von den mit ihnen verbundenen Sozialreformern vertretenen Ansicht, dass die private Wohlfahrt die öffentliche Fürsorge ergänzen und vorwegnehmen solle, da sie neue Hilfsbereiche flexibler erschließen könne. M. setzte sich zwar nicht dezidiert für politische Rechte der wirtschaftlich Abhängigen ein, doch seine sozialen Reformvorstellungen, die über die patriarchalische Betriebsverfassung hinausgingen und auch die Fixierung „konstitutioneller Garantien“ umfassten (Schutz der Arbeitskraft, Tarifverträge, Schlichtungsinstanzen), fanden sich schließlich in den sozialen Errungenschaften der Weimarer Republik wieder. M., der in seinen Unternehmungen gerne „radikal gesinnte, aber fleißige“ junge Akademiker förderte, beteiligte sich auch an der Gründung besonderer Aus- und Weiterbildungseinrichtungen. Er misstraute der auf den herkömmlichen Universitäten einseitig juristisch geprägten Führungsschicht und entwickelte ein neuartiges Bildungsideal: Betriebsdirektoren und leitende Angestellte sollten mit sozialen Ideen und Tatsachen, besonders den Lebensverhältnissen der Arbeiter, bekannt gemacht werden, während künftige Verwaltungsbeamte wirtschaftliche Tatsachen und Wirklichkeitssinn lernen sollten. Über das Medium des IfG inaugurierte M. die Gesellschaft für wirtschaftliche Ausbildung (1902) und wirkte maßgeblich bei der Einrichtung der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften 1901 mit. Seine Vorbehalte gegen deren Erweiterung zur Universität – M. befürchtete eine Minderung seines Bildungsideals und konzeptionellen Einflusses – gab er schließlich auf. Sein Werbefeldzug für die Hochschule, um den ihn Oberbürgermeister Adickes immer wieder gebeten hatte, und der Einsatz eigener Mittel (2,3 Millionen Reichsmark) führten zum Zustandekommen des erforderlichen Stiftungsbetrags. M. setzte sich für das Fortleben der Akademie als Handelshochschule innerhalb einer in der deutschen Universitätsgeschichte neuartigen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein. Zum Gedenken an seinen gefallenen Sohn, den Kunsthistoriker Adolf M. (1886-1914), stiftete M. noch im gleichen Jahr einen Lehrstuhl für Pädagogik.
Vertraute und Mitarbeiter rühmten seinen unfeierlichen und menschenfreundlichen Bürgersinn, den Weitblick in Wirtschafts- und sozialen Fragen sowie seinen „Idealismus der Tat“. Sie beschrieben ihn als geheimnisvolle Persönlichkeit, die außerhalb der Familie wenig von sich mitteilte, als Talentsucher mit wohlwollend-tyrannischem Einschlag, der sich „junge Doktoren halte wie andere Rennpferde“, aber auch als Gentleman Londoner Prägung, der in ausgeprägter Korrespondenz und Gastlichkeit seine Projekte vorantrieb. Bewunderung wie Kritik fand seine Distanz zu öffentlicher Betätigung und Parteiinteressen, die ihn unauffällig liberale wie sozialdemokratische (z. B. Max Quarck in Ffm.) Initiativen finanzieren ließ und durch Diskretion seine Handlungsfreiheit bewahren sollte. Im Ersten Weltkrieg geriet M. durch die Einbindung seiner Unternehmungen in Kriegswirtschaft und -wohlfahrtspflege zunehmend in politisches Fahrwasser. Er sprach sich gegen Kriegsgewinne aus und trat für ständige Gespräche von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unter Einbeziehung von Führern der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie ein. Darüber hinaus beteiligte er sich an politischen Klubs im häufig aufgesuchten Berlin, wo M. 1916 inmitten weitreichender Pläne für neue Initiativen starb.
M.viertel mit M.passage in Heddernheim; dort (in der Passage) Porträtbüste (von Edwin Hüller, 2001). M.straße in Bockenheim. Von 1917 bis 1928 M.-Realschule. Wilhelm-M.-Schule, eine berufliche Schule für Wirtschaft, Verwaltung, Hauswirtschaft, Ernährung und Gastronomie (bis 1986: Kaufmännische Berufsschule 7), in Bornheim. Wilhelm-M.-Zentrum für Europäische Integration und Wirtschaftsordnung (seit 2005) an der Ffter Universität. Wilhelm-M.-Preis für europäische Übersetzungen, seit 2001 alle drei Jahre verliehen von der Gontard & MetallBank-Stiftung in Ffm.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 41-44, verfasst von: Tobias Picard.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.
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Literatur:
                        
Achinger, Hans: Wilhelm Merton in seiner Zeit. Ffm. 1965.Achinger: Wilhelm Merton 1965. | Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 306-309. | Eckhardt, Dieter/Eckhardt, Hanna: Ich bin radical bis auf die Knochen. Meta Quarck-Hammerschlag. Eine Biographie (...). [Ffm. 2016.]Eckhardt/Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag 2016, bes. S. 44f. | Emrich, Willi: Bildnisse Ffter Demokraten. Ffm. 1956.Emrich: Bildnisse Ffter Demokraten 1956, S. 21-23 (m. Abb. auf S. 75). | Gall, Lothar: Franz Adickes. Oberbürgermeister und Universitätsgründer. Ffm. 2013. (Gründer, Gönner und Gelehrte, Biographienreihe der Goethe-Universität Ffm., hg. v. d. Goethe-Universität Ffm., [Bd. 5]).Gall: Franz Adickes 2013. | Hoffmann, Hilmar: Die großen Ffter. Ehrenwürdige Bürger und Ehrenbürger [von Karl dem Großen bis Friedrich von Metzler]. 4., durchges. Aufl. Ffm. 2012.Hoffmann: Die großen Ffter 2012, S. 78f. | Roth, Ralf: Wilhelm Merton. Ein Weltbürger gründet eine Universität. Ffm. 2010. (Gründer, Gönner und Gelehrte, Biographienreihe der Goethe-Universität Ffm., hg. v. d. Goethe-Universität Ffm., [Bd. 1]).Roth: Wilhelm Merton 2010. | Schembs, Hans-Otto: Jüdische Mäzene und Stifter in Ffm. Hg. v. d. Moses Jachiel Kirchheim’schen Stiftung. Mit einer Einführung von Hilmar Hoffmann. Ffm. [Copyright 2007].Schembs: Jüd. Mäzene u. Stifter 2007, S. 95-97. | Seng, Joachim: Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn. Das Freie Deutsche Hochstift – Ffter Goethe-Museum 1881-1960. Göttingen 2009.Seng: Freies Deutsches Hochstift 2009, S. 78f., 83, 86, 88, 98, 146, 175, 195, 199, 210.
Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/379. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/933 (Familie Merton).

GND: 119228386 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

© 2019 Frankfurter Bürgerstiftung und bei dem Autor/den Autoren
Empfohlene Zitierweise: Picard, Tobias: Merton, Wilhelm. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/508

Stand des Artikels: 7.4.1995