Einzig, Mathilde

Mathilde Einzig

Mathilde Einzig
Fotografie (1930).

© unbekannt. Der Fotograf ist auf dem als Vorlage dienenden Originalfoto nicht genannt. Die Bildvorlage trägt auch keine anderen Copyrightangaben.
Mathilde Einzig als Bibbo

Mathilde Einzig als Bibbo in Zuckmayers „Katharina Knie“
Fotografie von Nini und Carry Hess (1929).
Bildquelle: ISG, Nachlass Mathilde Einzig, S1/90, Nr. 15, Bl. 3.

© unbekannt. Mögliche Rechtsnachfolger der genannten Fotografinnen ließen sich bisher nicht ermitteln.
Einzig, Mathilde, verh. Brandeis. Schauspielerin. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 13.2.1886 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 1.1.1963 Ffm., beigesetzt auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Ffm.
Drittes Kind und älteste Tochter des aus Böhmen stammenden Geigers Leopold E. (1856-1906), der als erster Geiger dem Orchester der Ffter Oper angehörte, und dessen Ehefrau Rosalie, geb. Assor (1857-1944), deren Vater ein „Kaffeewirt“ aus der Ffter Judengasse war. Drei Brüder, eine Schwester. Verheiratet (seit 1918) mit dem in England geborenen Fabrikanten Frank Sidney Brandeis (1884-1939). Zwei Söhne.
Schülerin des Philanthropins. Auf ihr Vorsprechen bei Emil Claar hin erhielt E. 1902 einen Vertrag für Chorgesang, Statisterie und kleine Rollen (meist Buben- und Pagenrollen) am Ffter Schauspielhaus. Daneben nahm sie Schauspielunterricht bei Max Bayrhammer und Thessa Klinkhammer. Ihren ersten großen Erfolg hatte sie 1905 als Babette in Stoltzes Lokalstück „Alt-Fft.“. Zur Spielzeit 1905/06 stieg sie zum darstellenden Mitglied des Schauspielhauses auf, und bereits 1908 wechselte sie ins Charakterfach. Zunächst als Naive, später in Mütterrollen und als komische Alte sowie immer wieder als Interpretin der Ffter Mundart wurde „die E.“ zum Liebling des Ffter Publikums. Der Theaterkritiker Rudolf Geck lobte sie als „eine große Charakterdarstellerin“: „Den Damen, den Heroinen, den Sentimentalen ging sie aus dem Wege. Gouvernanten, Weiber, Kratzbürsten waren ihre Sache.“ (Ffter Theater-Almanach 1933/34, S. 27.) Zu ihren wichtigen Rollen gehörten etwa Marthe Schwerdtlein in „Faust I“ und die Amme in „Romeo und Julia“, aber auch Bibbo in Zuckmayers „Katharina Knie“ in der Ffter Erstaufführung von 1929. Im November 1930 feierte E. als Frau Vogl in der Ffter Erstaufführung von „Sturm im Wasserglas“ ihr 25. Bühnenjubiläum. 1931 führte sie Regie bei „Alt-Fft.“ (worin sie auch die Rolle der Frau Funk gab) und „Emil und die Detektive“ (worin sie zudem als Emils Großmutter mitwirkte). Bei den neu gegründeten Römerbergfestspielen trat sie 1932 als Elisabeth im „Urgötz“ und als Klärchens Mutter in „Egmont“ auf. Im Zuge der „Gleichschaltung“ der Städtischen Bühnen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde E. aufgrund ihrer langen Betriebszugehörigkeit zwar zunächst nicht gekündigt; auch von einer Beurlaubung sah die Intendanz ab, weil die Schauspielerin stark in den Spielplan eingebunden und kein Ersatz in ihrem Rollenfach verfügbar war. Bei den Römerbergfestspielen jedoch, die die nationalsozialistische Stadtregierung als „Reichsfestspiele“ zu etablieren versuchte, durfte E. aufgrund ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit 1933 schon nicht mehr mitwirken. Unverzüglich bereitete das Ehepaar Brandeis-E. die Ausreise der Familie in die Schweiz vor. Zum Ende der Spielzeit 1932/33 trat E. „freiwillig“ von ihrem eigentlich noch ein Jahr laufenden Vertrag zurück. Für den Verzicht auf ihre Rentenansprüche zahlte ihr die Stadt Ffm. am 7.8.1933 eine Abfindung in Höhe von 5.000 Mark, womit die Familie die Emigration nach Palästina finanzierte. In dem Schwank „Der Meisterboxer“ stand E. am 27.8.1933 zum letzten Mal auf der Bühne des Ffter Schauspielhauses. Kurz darauf reiste sie in die Schweiz, wo ihre Familie sie bereits erwartete, um 1934 gemeinsam nach Palästina auszuwandern. Dort bauten sich E. und ihr Mann eine Existenz mit einem kleinen Hotelrestaurant und einer Hühnerfarm in der Siedlung Ramoth-Hashavim bei Tel Aviv auf. Seit 1947 hatte E. ihren Wohnsitz wieder in Europa, zunächst in London, dann in der Schweiz. 1949 kehrte sie erstmals nach Ffm. zurück, zu einem Gastspiel als Frau Funk in „Alt-Fft.“ bei den Städtischen Bühnen im Börsensaal. 1952 kam sie zu einem Gastspiel als Frau Gudula Rothschild in Rösslers „Die fünf Ffter“ bei Fritz Rémond am Kleinen Theater im Zoo. Seit 1957 lebte E. wieder in ihrer Geburtsstadt Ffm.
Mitbegründerin (1919) und Lehrerin der Ffter Schauspielschule. Zu ihren Schülerinnen gehörten etwa Else Knott und Lia Wöhr.
Mitbegründerin des Künstlerstammtischs „Abgeschminkt“, u. a. zusammen mit Toni Impekoven, mit dem sie befreundet und der auch ihr Trauzeuge war.
1956 Goldenes Ehrenzeichen der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. 1957 Ehrenmitglied der Städtischen Bühnen.
Porträtgemälde (von Karl Friedrich Brust, 1923) im Besitz des HMF.
Grabstätte auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Ffm. (Gewann 5 U 21/5).
Nachlass im ISG.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 180f., verfasst von: Sabine Hock.

Lexika: Bibliographie zur Geschichte der Ffter Juden 1781-1945. Hg. v. der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Ffter Juden. Bearb. v. Hans-Otto Schembs mit Verwendung der Vorarbeiten von Ernst Loewy u. Rosel Andernacht. Ffm. 1978.Bibliogr. z. Gesch. d. Ffter Juden, S. 430. | Kosch, Wilhelm: Deutsches Theaterlexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch. Fortgef. v. Ingrid Bigler-Marschall. 7 Bde. Klagenfurt, ab 4 (1998) Bern/München, ab 5 (2004) Zürich, ab 7 (2012) Berlin 1953-2012. Bisher 6 Nachtragsbände (bis Sr). Berlin 2013-18.Kosch: Theater, Nachtr. 1 (2013), S. 309.
Literatur:
                        
Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 100-102. | Börchers, Sabine: 101 Frauenorte in Fft. [Ffm.] 2016.Börchers: 101 Frauenorte 2016, S. 168f. | Ffter Theater-Almanach. Ffm. [1832]/1843-1951 (mit Erscheinungslücken).Geck, Rudolf: Unsere Jubilare. In: Ffter Theater-Almanach 1931/32, hier S. 10f. (m. Porträtfoto). | Ffter Theater-Almanach. Ffm. [1832]/1843-1951 (mit Erscheinungslücken).Geck, Rudolf: Nachrufe und Jubiläen. In: Ffter Theater-Almanach 1933/34, hier S. 26f. | Leonhardt, Theresa Victoria: Aus der Krise geboren. Theaterfördervereine und ihre Protagonisten in Ffm. seit 1924. Ffm. [Copyright 2018]. (Studien zur Ffter Geschichte 65).Leonhardt: Theaterfördervereine 2018, S. 174f., 463. | Mohr, Albert Richard (Hg.): Die Römerberg-Festspiele Ffm. 1932-1939. Ein Beitrag zur Theatergeschichte in Bildern und zeitgenössischen Berichten. Ffm. [1968].Mohr: Römerberg-Fsp. 1968, S. 8 u. 24 (m. Abb. auf S. 31). | Mohr, Albert Richard: Das Ffter Schauspiel 1929-1944. Eine Dokumentation zur Theatergeschichte mit zeitgenössischen Berichten und Bildern. Ffm. [Copyright 1974].Mohr: Schausp. 1974, S. 30, 34f., 43, 55f., 80f., 86 sowie weitere Erwähnungen lt. Register (m. Abb. auf S. 18, 36 u. 55). | Reimann, Hans: Das Buch von Fft., Mainz, Wiesbaden. München 1930. (Was nicht im Baedeker steht 9).Reimann: Was nicht im Baedeker steht 1930, S. 142 (mit Porträtzeichnung von Karl Friedrich Brust auf S. 141). | Schültke, Bettina: Theater oder Propaganda? Die Städtischen Bühnen Ffm. 1933-1945. Ffm. 1997. (Studien zur Ffter Geschichte 40).Schültke: Städt. Bühnen 1997, S. 77f. u. 98 (m. Abb. auf S. 77). | Siedhoff, Thomas: Das Neue Theater in Ffm. 1911-1935. Versuch der systematischen Würdigung eines Theaterbetriebs. Ffm. 1985. (Studien zur Ffter Geschichte 19).Siedhoff: Neues Theater 1985, T. 1, S. 122; T. 2, S. 242, Nr. 237.
Quellen: Die Volksbühne. Zeitschrift der Volksbühne Ffm. Hg.: Ffter Bund für Volksbildung, Abt.: Volksbühne. Ffm. 1951-69.RK [d. i. Richard Kirn]: Die Einzig. In: Die Volksbühne 1 (1951/52), Aug. 1952, S. 3. | Ffter Neue Presse. Ffm. 1946-heute.Mathildchen und ihre Ffter. Die Einzig war dem Publikum ans Herz gewachsen. In: FNP, 5.9.1952. | ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Heiratsbücher, Ffm., 1533-1848 bzw. 1849-1939.ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Heiratsbuch, Bestand STA 11/557: Standesamt Ffm. I, Heiratsurkunde 1918/I/17 vom 11.1.1918. | ISG, Bestand Nachlässe (S1).Nachlass: ISG, S1/90. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/963. | ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/9.884 (Familie Brandeis).
Internet: Ffm. 1933-1945, Internetportal zur Geschichte der Stadt Ffm. im Nationalsozialismus, ein Projekt des ISG im Auftrag des Dezernats für Kultur und Freizeit der Stadt Ffm. https://www.frankfurt1933-1945.de/nc/beitraege/show/1/thematik/ausgrenzung-und-verfolgung-staedtische-buehnen/artikel/die-saeuberung-der-staedtischen-buehnen/
Hinweis: Artikel von Janine Burnicki/Jürgen Steen: Die „Säuberung“ der Städtischen Bühnen, 1.1.2003.
Ffm. 1933-1945, 9.3.2021.
| Ffter Frauenzimmer – eine Spurensuche, Website des Historischen Museums Fft., Konzeption und Redaktion: Ursula Kern, Ffm. http://www.frankfurterfrauenzimmer.de/cp10-detail.html?bio=bn
Hinweis: Artikel über Mathilde Einzig von Dorothee Linnemann, 2014.
Ffter Frauenzimmer, 9.3.2021.
| Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Mathilde_EinzigWikipedia, 9.3.2021.

GND: 116425970 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Einzig, Mathilde. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/2078

Stand des Artikels: 24.7.2021
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 03.2021.