Riezler, Kurt

Geschäftsführender Vorsitzender des Kuratoriums der Ffter Universität von 1928 bis 1933.

Riezler, Kurt Karl Josef. Psd.: Gajus, J. J. Ruedorffer u. a. Prof. Dr. phil. Altphilologe und Althistoriker. Diplomat. Hochschullehrer für Philosophie. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 11.2.1882 München, Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 6.9.1955 München.
Aus einer angesehenen Münchener Familie, deren Mitglieder z. T. im Bankwesen, in der Wissenschaft sowie in bayerischen Staats- und Militärdiensten tätig waren.
Nach dem Abitur studierte R. an der Münchner Universität Altphilologie, Philosophie und Althistorie. Mit einer Promotion zur griechischen Wirtschaftsgeschichte (1905) beendete er die Ausbildung und bereiste europäische und asiatische Länder. Journalistische Arbeiten führten ihn 1906 als Mitarbeiter ins Auswärtige Amt, in dem er bald aufstieg. Als Kenner europäischer Mächte, nicht zuletzt osteuropäischer, sowie Redenschreiber, u. a. für Reichskanzler Bernhard von Bülow (1849-1929), fiel er auf und avancierte nach dem Amtsantritt von Theobald von Bethmann Hollweg (1859-1921) im Sommer 1909 zu einer Art Privatsekretär und Vertrauten des Reichskanzlers. An dessen Seite erlebte er den Kriegseintritt und die frühen Jahre des Ersten Weltkriegs. Nach Bethmann Hollwegs Abdankung 1917 wurde R. von seiner eigentlichen Arbeitsstelle, dem Auswärtigen Amt, als Gesandter nach Stockholm und nach Moskau abgeordnet. Als Kenner Russlands sollte er über die dortigen Verhältnisse nach der Revolution und dem Brest-Litowsker Friedensvertrag berichten. Zurück im Reich, war er u. a. als Vertreter der Reichsregierung bei der bayerischen Regierung in Bamberg an der Niederschlagung der Münchener Räterepublik beteiligt. Zuletzt war er kurze Zeit Leiter des Büros von Reichspräsident Friedrich Ebert. Aus Empörung über den Versailler Friedensvertrag quittierte er im April 1920 den aktiven Dienst im Auswärtigen Amt. Als Privatgelehrter widmete er sich seinen wissenschaftlichen Studien und Veröffentlichungen. Inzwischen war er mit Katharina, gen. Käthe, Liebermann (1885-1952), der einzigen Tochter des Malers Max Liebermann (1847-1935), verheiratet.
Nach dem überraschend eingetretenen Tod des bisherigen Kurators der noch jungen Ffter Universität, des evangelischen Theologen Walter Gerlach (1863-1927), musste ein geeigneter Nachfolger gefunden werden. Diese nicht einfache Suche – unterschiedliche Hinweise erreichten auf Anfrage die zuständigen Gremien: Großen Rat, Kuratorium, Universität – veranlasste den preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker (1876-1933), Oberbürgermeister Ludwig Landmann als Vorsitzenden des Großen Rats auf R. aufmerksam zu machen. Dieser sei jung, gebildet, erfahren und in jeder Hinsicht ein von den üblichen Kuratoren abweichender Kopf. So kam R. im Sommersemester 1928 als „Geschäftsführender Vorsitzender des Kuratoriums der Universität“ nach Ffm. Das hiesige Amt unterschied sich durchaus von der gewohnten Norm: Der Ffter Kurator hatte an der Stiftungsuniversität weitgehende Befugnisse und konnte neben den Verwaltungsaufgaben auch an allen akademischen Fragen mitwirken. Und R. tat das, wobei er nicht nur die Unterstützung des Oberbürgermeisters und namhafter Stifter hatte, sondern auch die vieler Professoren. In seinen Amtsjahren – sie endeten 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten – erlebte die Universität eine Art Glanzzeit. R. ging es nach eigener Aussage darum, die Ffter Universität „zu einem Zentrum deutscher Universitätskultur zu machen“ (zit. nach Hammerstein: Kurt Riezler 2019, S. 123). So kümmerte er sich ganz besonders um Berufungen in den Disziplinen, die seiner Meinung nach in der krisenhaften Gegenwart unverzichtbar seien. Natürlich sollten alle Fächer möglichst mit herausragenden Professoren besetzt sein, aber für Soziologie, Psychologie, Philosophie, Geschichte, Sozial- wie auch Staatswissenschaften gelte das im besonderen Maße. Prominente Neuberufungen, zu denen R. nicht unwesentlich beigetragen hatte, waren u. a. die Soziologen Karl Mannheim, Max Horkheimer und Adolf Löwe sowie der Philosoph Paul Tillich, die neben ihrer eigentlichen Disziplin auch weitere Fachgebiete vertraten, die Psychologen Max Wertheimer und Adhémar Gelb, der Historiker Ernst Kantorowicz, der Literaturwissenschaftler Max Kommerell und der Jurist Franz Beyerle. In verschiedenen Kreisen versammelte R., der selbst als Honorarprofessor für Philosophie lehrte, die spektakulären Neuzugänge um sich unter Beteiligung am Ort vorhandener gleichgesinnter Gelehrten. Dazu gehörten u. a. die Altphilologen Karl Reinhardt und Walter F. Otto, der Direktor des Senckenbergischen Museums, der Paläontologe Fritz Drevermann, und Kurt Rheindorf als hochschulpolitischer Kopf sowie weitere Privatdozenten und Extraordinarien. Sie erprobten neue Lehrmethoden und wissenschaftliche Querverbindungen in gemeinsamen Veranstaltungen. Sie suchten bei unterschiedlichen fachlichen Voraussetzungen „Synthesen“ zu finden, die auf die vielfältigen Krisen ihrer Zeit Antworten und Lösungen erarbeiten könnten. Zugleich wurde über Reformen der Universität gesprochen. R. war stets im Schnittpunkt nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch politischer, gesellschaftlicher und künstlerischer Kreise anzutreffen. Dass diese elitären und wenig akademischen Zirkel bei den eher biederen und traditionalistischen Universitätsangehörigen nicht immer geschätzt wurden, konnte nicht ausbleiben. In der Stadt hingegen und in vielen Stifterfamilien erfreute sich diese bunte Welt großer Zustimmung.
Mit dem Beginn der NS-Zeit wurde gerade auch R. zum Opfer heftiger Angriffe. Unter Duldung bzw. Beteiligung der (späteren) Rektoren Krieck und Platzhoff, Teilen der Dozentenschaft und der NS-Studentenschaft kam er in Schutzhaft, in der er am 1.4.1933 die ihm von NS-Oberbürgermeister Krebs als neuem Ratsvorsitzendem vorgelegte Rücktrittserklärung nur noch unterschreiben konnte. Sein Versuch, wenigstens seine Lehrtätigkeit fortzusetzen, wurde von randalierenden Studenten verhindert. Im Januar 1934 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen. R. übersiedelte daraufhin mit Frau und Tochter nach Berlin, zunächst in das Haus seines Schwiegervaters. Ende 1938 gelang es ihm, in die USA zu emigrieren. An der New School of Social Sciences in New York fand er Anstellung. Dort begegnete er anderen ehemaligen Fftern wieder, die ihm die Eingewöhnung erleichterten. Später nahm er zudem Lehraufträge in Chicago und Princeton wahr. Nach dem Krieg kam R. auf Einladung der Universität zweimal zu Gastvorlesungen nach Ffm. zurück. Hier starb 1952 seine Frau. Als Aufenthaltsort nach seiner Rückkehr nach Europa 1954 wählte R. aber nicht Ffm., sondern Rom. Auf Besuch bei seinem Bruder Walter R. (1878-1965; Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler) starb er 1955 in München.
Zahlreiche politische, romanhafte, historische und philosophische Schriften, teilweise unter dem Pseudonym Ruedorffer, dem Namen der Urgroßmutter.

Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Notker Hammerstein.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 198f., verfasst von: Felix Blömeke.

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Literatur:
                        
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Quellen: ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).ISG, S2/704.
Internet: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_RiezlerWikipedia, 10.6.2019.

GND: 118601008 (Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek).

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Empfohlene Zitierweise: Hammerstein, Notker: Riezler, Kurt. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), http://frankfurter-personenlexikon.de/node/895

Stand des Artikels: 14.6.2019
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 06.2019.